Meine Tante aus der Schweiz Teil 1

Meine Tante tut mir leid. Sie kann ja nichts dafür, dass sie so aussieht. Dies wurde mir zum ersten mal bewusst, als ich gerade in die Schule ging. Da war mein Tante gerade in der achten Klasse und alle älteren Jungs sahen sie so komisch an. Meine Tante ist nämlich ein Nesthäkchen. Meine Oma war ja schon vierzig als sie geboren wurde. Ich glaube sie ist ziemlich klug, aber niemand glaubt das, weil sie eben viel jünger aussieht.
Später hat sie meiner Mutter erzählt, dass am Anfang ihrer Ausbildung zur Krankenschwester, ihre Ausbilderin einmal hinter ihrem Rücken über sie gesagt habe, sie habe das Zeug zu einer guten Krankenschwester, wurde es wahrscheinlich aber nie über das Betthäschen des Oberarztes hinaus bringen. Als sie dann ihre Zwischenprüfung als Beste abschloss und meine Mutter das meiner Oma berichtete antwortete die: „Ich glaube nicht, dass sie das nur ihren geistigen Fähigkeiten zu verdanken hat.“ Als meine Tante dann zwei Wochen später zu Besuch war, und die Rede darauf kam, warf ich, damals neun, altklug ein: „Auch die Oma hat gesagt, dass du das nicht nur deinen geistigen Fähigkeiten zu verdanken hasst.“
Nach einer Schrecksekunde in der alle Erwachsenen am Tisch rote Gesichter bekamen, bekam ich von meiner Tante ein Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Statt Mitleid, wurde ich noch dazu von meiner Mutter auf mein Zimmer geschickt. Dabei hatte ich es als Kompliment gemeint.
Vielleicht wegen dieses Vorfalls legte sich meine Tante mehr ins Zeug als andere. Am Ende schloss sie ihr Examen als Krankenschwester als Landesbeste ab. Sie bekam sofort eine Stelle als Privatpflegerin bei einem alten Mann in der Schweiz angeboten. Meine Oma und meine Mutter waren sofort dagegen. Sie aber meinte, so eine Gelegenheit böte sich nur selten und nahm an. Lange hörten wir kaum etwas von ihr. Lediglich zu Weihnachten und an Geburtstagen bekamen wir eine Karte.
Eines Tages, vor etwa drei Monaten bekamen wir einen Anruf von ihr. Meine Tante brauchte Hilfe. Der alte Mann sei mit sechsundneunzig Jahren gestorben. Er hätte entfernte Verwandten, die ihr unterstellten, sie sei Schuld an seinem Tod. Der Hausarzt des alten Mannes habe deshalb eine Obduktion angeordnet. Meine Oma antwortete nur kurz, sie habe sie vor der Annahme der Stelle von Anfang an gewarnt. Sie würde sich aber um einen guten Anwalt für sie bemühen.
Zwei Tage später kam ein zweiter Anruf. Der Hausanwalt habe ihr einen guten, auf medizinische Fragen spezialisierten Anwalt genannt und sie habe auch schon Kontakt aufgenommen. Der Anwalt wusste auch bereits woher der Wind wehte. Der alte Mann habe ihr wohl einen Teil seines Vermögens vererbt, das die anderen Erben ihr streitig machen wollten. Nun nahm sich die Oma für das Telefonat schon etwas mehr Zeit.
Beim dritten Telefonat, drei Wochen später, hatte die Testamentseröffnug bereits stattgefunden. Die Vorwürfe waren durch die Obduktion vollständig entkräftet worden. Der Pflichtanteil der entfernten Verwandten von zehn Prozent war aus Aktienvermögen beglichen worden. Das restliche Vermögen, ebenfalls größtenteils Aktien, aber auch einige Villen an den schönsten Stellen Erde, allesamt mit Meerblick, weil der Alte Mann als echter Schweizer das Meer so geliebt hatte, gehörten jetzt meiner Tante.
Kaum dass der Anruf beendet war, entschloss sich meine Oma künftig mehr Zeit ihrer jüngsten Tochter zu widmen. Sie sei in der Verwaltung eines solchen Vermögens ja vollkommen unerfahren und wir sollten sofort zu ihr Aufbrechen, um sie dabei zu unterstützen, damit sie nicht irgendwelchen Betrügern zum Opfer fiel. Darin stimmte auch meine Mutter Oma zu.
Da ich aber im letzten Jahr vor dem Schulabschluss stand, konnte ich dann doch nicht mit und wurde kurzerhand bei einer Freundin meiner Oma „geparkt“.
Wenige Tage nach Ankunft meiner Oma und Mutter in der Schweiz mussten sie dann feststellen, dass der alte Mann, bis zum Ende geistig rege, alles finanzielle für meine Tante im Voraus bestens geregelt hatte. Seine hervorragenden Verbindungen in die Finanzwelt waren auf sie übergegangen, da sie ihm in den letzten Jahren nicht nur Krankenschwester sondern auch Sekretärin gewesen war. Nachdem die Vorwürfe wegen fahrlässiger Tötung aus der Welt waren, saß sie nun fester im Sattel des Finanzimperiums den je.
Es ist bitter zur Hilfe zu eilen, und feststellen zu müssen, das man nicht gebraucht wird. Bei der Abreise wurden wohl deutliche Worte gesprochen. Nur so kann ich mir erklären, dass meine Mutter die Serpentinen in den verschneiten Schweizer Alpen schneller fuhr als den Straßenverhältnissen angemessen war. Sie durchbrachen eine Leitplanke und das Auto mit den beiden schlug erst achtzehn Meter weiter unten auf, las ich später in einem Bericht im Internet.
Die Freundin der Oma lies mich bis zum Ende des Schulhalbjahres bei sich wohnen. Von meinen anderen Verwandten wollte mich keiner bei sich aufnehmen. Sie sagten, meine Tante trage in gewisser Weise schuld daran, dass meine Oma und Mutter zu Tode gekommen seien, solle sie auch die Konsequenzen daraus tragen.
Nun sitze ich im Flugzeug nach Kalifornien, weil die Tante sich gerade um den Erhalt der dortigen Villa kümmern muss, um die sich während der langen Krankheit des alten Mannes nur ein Hausmeisterehepaar gekümmert hart. Sie hat auch schon eine Privatlehrerin für mich engagiert, die auch als Ihre private Jogalehrerin mit uns um die Welt jetten soll. Meine Tante tut mir echt leid, weil Sie sich jetzt nicht nur um das Erbe sondern auch noch um mich kümmern muss, wo sie sich jetzt von der drei Jahre dauernden anstrengenden Pflege erholen sollte.
Sie hat mir auch geschrieben, dass ich nicht viel Gepäck mitbringen soll, weil in Kalifornien und speziell in ihrem Haus nicht viele Textilien gebraucht würden. Zur Verdeutlichung hat sie mir dieses Foto von einer Joga- Übung von ihr (rechts) mit meiner künftigen Lehrerin (links) geschickt. Ich finde die beiden sehen nett aus. Ich freue mich schon darauf ihre Bekanntschaft zu machen.

Meine Tante aus der Schweiz Teil 1

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