Private Ermittlungen, Kapitel 11

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Die Erinnerung an den damaligen Abend nagte kurzzeitig an meinen Nerven. Ich starrte den kleinen Anhänger an und umschloss ihn dann mit der Faust. Das Silber drückte leicht schmerzhaft gegen meine Handinnenfläche und weckte mich so aus meiner Lethargie wieder auf.
Wie Blitzschläge jagten plötzlich die Gedanken durch meinen Schädel. Ohne, dass mein Gehirn vom Alkohol getrübt war, liess ich die letzten zwölf Stunden Revue passieren und mit einem Mal wurde mit etwas klar, was ich vorher nicht für möglich gehalten hatte.
Der Anrufer vom Abend war kein Fremder gewesen. Und der Anruf war auch kein Hinweis gewesen, sondern ein versteckter Hilfeschrei. Marschall selbst war es gewesen, nur hatte ich seine in den letzten Jahren leicht veränderte Stimme in meinem halb-wachen und alkoholisierten Zustand nicht erkennen können.
Dass er sich nicht zu erkennen gegeben hatte, erschien mir angesichts der Umstände, unter denen wir uns aus den Augen verloren hatten, fast schon logisch. Er musste Sorge gehabt haben, dass ich sofort und kommentarlos auflege, wenn ich höre, wer mich anrief. Und wahrscheinlich hätte ich genau das auch getan.
Ausserdem hatte er gewusst, dass ich zum Hafen kommen würde, wenn die Chance bestand, ihn hier anzutreffen und zur Rede zu stellen. Und genau das hatte er gewollt. Er musste gewusst haben, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte und seine letzte Hoffnung hatte in der Frau gelegen, mit der er jahrelang Seite an Seite patroulliert war. Mir!
Wenn mein Wagen nicht in Chorweiler gewesen wäre, ich wäre vermutlich sogar früh genug gewesen, um ihn zu retten. So jedoch hatte sich meine Ankunft verzögert und wer auch immer hinter ihm her gewesen war, hatte Zeit genug gehabt, ihm eine Kugel geradewegs in die Bauchdecke zu feuern.
Diese Erkenntnis traf mich hart. Aber sie warf am Ende nur neue Fragen auf. Weshalb hatte man Marschall nach dem Leben getrachtet? Wer war der fremde Mann, der ihn erschossen und mich anschliessend niedergeschlagen hatte? Und konnte es wirklich sein, dass seine verschollene Schwester eine Rolle in der ganzen Sache spielte?
Während ich über diese Fragen nachdachte, steckte ich den Anhänger in meine Jackentasche und schaute mich weiter um. Ich wusste, dass ich nicht mehr viel Zeit haben würde, bis die beiden Polizisten zurück kommen würden. Ich musste mich also beeilen.
Doch erneut war mir das Glück hold. Nicht weit von dem Platz, an dem der Anhänger gelegen hatte, fand ich einen kleinen Schlüsel. Er klemmte in einem Riss einer der Kisten. Als ich ihn raus zog, erkannte ich, dass der Bart des Schlüssels blutverschmiert war.
Offenbar hatte Marschall ihn dort versteckt, nachdem ihn die tödliche Kugel getroffen hatte und ihm klar war, dass ich nicht rechtzeitig kommen würde. Sein Tod war somit unausweichlich, aber er musste darauf vertraut haben, dass entweder die Polizei oder ich den Schlüssel finden würden. Und durch den Anhänger hatte er mir direkt auch eine Nachricht hinterlassen, worum es bei der ganzen Sache gehen dürfte. Auch wenn ich es nicht so wirklich glauben konnte.
Auf dem Schlüssel war mit feiner Gravur ein Name eingeritzt. „Lager“ lass ich. War das der Schlüssel für das Lagerhaus, an dessen Seite ich kniete? Wenn ja, konnte ich davon ausgehen dass ich der Lösung des Falls ein ganzen Stück näher kommen würde, wenn ich mich im Inneren umsehen würde.
In diesem Moment hörte ich leise Schritte. Ich wirbelte herum und sprintete so schnell ich konnte den Durchgang entlang und um die Ecke des Gebäudes. Gerade noch rechtzeitig verschwand ich, bevor die beiden Polizisten leise redend wieder im Durchgang erschienen. Ich drückte mich an die Wand des Gebäudes und atmete tief durch. Das war knapp gewesen. Aber was ich gefunden hatte, war das Risiko auf jeden Fall wert gewesen.
Ich schaute auf den Schlüssel in meiner Hand. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Dann schaute ich an dem Gebäude hoch, vor dem ich stand. Über dem großen Eisentor stand mit großen Metallbuchstaben „Fischer Im- und Export“ geschrieben.
Ich trat zwei Schritte nach rechts, bis ich vor der kleinen Zugangstür stand. Einen tiefen Atemzug später hatte ich den Schlüssel in das Schloss geschoben und umgedreht. Die Tür war nicht verschlossen und schwang auf, kaum dass ich den Bolzen des Schlosses aus seiner Verankerung gedreht hatte.
Leise trat ich ein und schloss die Tür wieder hinter mir. Mich empfing ein Dämmerlicht, dass durch die kleinen Fenster in den Seitenwänden herein drang. Es war hell genug, um ohne künstlichen Licht etwas sehen zu können, aber immer noch schummrig genug, damit man sich nicht wohl fühlte.
Die Lagerhalle selbst sah nicht so aus, als würden hier viele Dinge eingelagert. Vereinzelte Kisten standen herum und in einer Ecke konnte ich einen kleinen Gabelstapler erkennen. Vermutlich wurde sie nur als Zwischenlager genutzt, um Ware, die angeliefert wurde oder verschifft werden sollte, bis zur Weiterverarbeitung zu deponieren.
Ich fragte mich, was Marschall hier drin gefunden haben wollte, was es wert sein konnte, ihn umzulegen. Leise schloss ich hinter mir die Tür. Dann trat ich weiter in die Lagerhalle hinein, immer darauf gefasst, eine Überraschung zu erleben.

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