Die Burg Teil 4 von 9

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Teil 4

Wie schon einen Tag zuvor wachte ich am nächsten Morgen auf und fühlt mich vollkommen ausgelutscht. Dieses Mal würde es noch länger dauern, bis ich wiederhergestellt war, davon war ich überzeugt. Wenn das so weiterging, bekam ich nicht nur zu wenig Schlaf, sondern würde nicht mehr arbeiten können. Dafür würde ich irgendwann zu schwach werden, glaubte ich jedenfalls.

Ein kräftiges Frühstück mit viel gebratenem Speck, Rührei und einem halben Liter Kaffee machte mich körperlich wieder fit. Nach dem Essen sah ich mir noch einmal das Bild der Burg an und prägte es mir genau ein. Auch wenn ich nicht daran glaubte und es als Hirngespinst abtat, wollte ich mich doch darüber überzeugen, dass ich mich getäuscht hatte. Am liebsten hätte ich sogar ein Foto davon gemacht, aber ich hatte keine Digitalkamera mitgenommen und es sah nicht so aus, als wenn es im Dort eine zu kaufen gab. Überhaupt gab es im Dorf anscheinend keinen Laden oder etwas Ähnliches. Gesehen hatte ich jedenfalls keinen.

Als ich gerade aufstehen wollte, kam der Wirt an meinen Tisch. „Ich hoffe doch, es ist alles zu ihrer Zufriedenheit? Ich wäre untröstlich, wenn ihnen etwas fehlen würde. Sie können es mir sofort sagen!“

Ich sah ihn an und meinte nur: „Es ist alles in Ordnung. Ein Kompliment an die Küche. Selbst meine Mutter hat nicht so gut gekocht und das will etwas heißen!“

„Ohhh, danke ihnen für das Kompliment, ich werde es gleich weiterreichen!“, meinte er, drehte sich um und verschwand in der Küche.

Es war schon eine für mich seltsame Frage gewesen, ob alles in Ordnung gewesen sei, denn irgendwie hatte ich den Eindruck, als wenn er mehr wusste, als ich es ahnte. Doch ich wollte den Wirt nicht direkt danach fragen. Immerhin waren meine nächtlichen Besuche nicht gerade das, was man normal nannte und mir wäre es ehrlich gesagt zu peinlich, danach zu fragen.

Ich stand auf und verließ die Wirtschaft. Dabei fiel mir ein, dass ich den Wirt einmal nach meinem Auto hätte fragen sollen, aber das hatte Zeit. Es stand noch nicht wieder vor der Wirtschaft und von daher ging ich davon aus, dass es noch nicht repariert worden war.

Frisch gestärkt schritt ich an der seltsamen Brunnenfigur vorbei in Richtung Burg, die sich dunkel vom Hintergrund abhob.

Schon eine viertel Stunde später drückte ich auf den Klingelknopf und die Tür sprang einfach auf. Erst jetzt entdeckte ich eine fast winzige Kamera in einem Winkel des Tores. Conlin konnte mit deren Hilfe sicher sehen, wer vor dem Tor stand.

Ich musste dabei etwas grinsen. Hightech auf einer Burg, auf der es anscheinend sonst kaum etwas davon gab. Zumindest hatte ich davon nichts gesehen. Allerdings musste es mehr davon geben, denn immerhin hatte ich von der Gräfin E-Mails bekommen und ich glaubte nicht, dass sie dafür ihre Zeit in Internetkaffees verplemperte. Was sie allerdings die ganze Zeit machte, wusste ich nicht. So eine Burg musste unterhalten werden, von daher musste eine Einnahmequelle da sein.

Ich trat durch das Tor und wollte mich zuerst noch etwas umsehen. Aus diesem Grund lenkte ich meine Schritte zuerst einmal in Richtung Haupthaus. Ich durfte mich ja umsehen und mich interessierte, was noch im Erdgeschoss des Haupthauses war. Das erste Stockwerk wurde ja von Frau Gräfin bewohnt und dazu würde ich keinen unangemeldeten Zutritt haben.

In dem Vorraum angekommen, wandte ich mich nach rechts und stand wenig später vor der Doppeltür, die mich fast magisch anzog. Nach der Größe zu urteilen musste sich dahinter etwas ebenfalls Großes verbergen.

Ich drückte auf die Türklinke und ohne große Anstrengung konnte ich sie öffnen. Dahinter war ein Raum, besser gesagt ein Saal, der mich einen Moment meinen Atem anhalten ließ.

Man hätte ihn sicher auch als Rittersaal bezeichnen können, zumindest kam er mir so vor.

In der Mitte stand ein großer, langer und sehr massiv aussehender Tisch, der von hochlehnigen ebenfalls sehr massiv aussehenden Stühlen umgeben war. An den Wänden hingen teils Waffen, teils Bilder die vielleicht so etwa wie Ahnen der Burgherrin darstellten.

Am anderen Ende des Saales war etwas an die Wand gehängt worden, was ein übergroßes Bild sein konnte. Es war sicher über zwei Meter groß und hing so, dass es kurz über dem Boden aufhörte. Was es aber tatsächlich war, konnte ich nicht sehen, denn es war mit einem Stofftuch abgehängt worden. Die Fenster zum Hof waren relativ klein, aber es fiel genug Licht in den Saal, um alles recht gut erkennen zu können. Ihnen gegenüber war ein gewaltig aussehender Kamin, über dessen Feuer man sicher einen ganzen Ochsen hätte braten können.

Ich ging in den Saal hinein und sah mich einmal um. Über der Doppeltür war eine große bunte Fahne angebracht, die sicher ein Wappen zeigte. Aber da ich in der Heraldik nicht so bewandert war, sagten mir die Ornamente darauf nicht viel. Es waren nur zwei Burgen darauf zu erkennen, wobei eine davon teilweise von einem Schwert verdeckt wurde. Es sah so aus, als wenn sie brennen würde und ich meinte, im Hintergrund eine verschwommene Fratze zu erkennen. Aber da das Wappen so hoch hing, konnte ich es nicht genau erkennen.

Also drehte ich mich wieder um und ging langsam die Wand entlang, an der mehrere Bilder hingen die irgendwelche Personen zeigte, die mir natürlich nichts sagten.

Kurz stand ich vor dem Kamin und bestaunte die gewaltige Größe. Dabei stellte ich mir vor, wie es wohl ausgesehen haben musste, als hier vielleicht ein Fest gefeiert wurde. Dann war hier sicher ein großes Feuer am Brennen und man hörte die Stimmen der Ritter, die emsig von einem Mundschenk versorgt wurden. Wenn ich meine Augen zumachte, dann konnte ich es vor mir sehen und meinte sogar die Becher zu hören, die gegeneinander geschlagen wurden.

Dann machte ich meine Augen wieder auf und erschrak gewaltig, als auf einmal jemand neben mir stand. Ich drehte meinen Kopf und sah Frau Gräfin neben mir stehen, wie sie auf eines der Bilder sah.

„Habt ihr Interesse an meiner Familie?“, sagte sie ohne ihren Blick von dem Bild abzuwenden.

Ich sah sie von der Seite aus an und betrachtete sie einige Sekunden lang. Sie sah eigentlich genauso aus, wie ich sie das erste Mal gesehen hatte. Sie wirkte genauso steif, wie ich sie schon einmal gesehen hatte, doch konnte ich ihre Figur nun seitlich sehen. Das Kleid was sie trug sah fast genauso aus, hatte aber mehr Rüschen an den Ärmelenden und am Hals. Dazu hatte sie ihre Haare dieses Mal nicht in einen Dutt gedreht, sondern waren in einem mittelalterlichen Haarnetz an ihrem Hinterkopf versteckt.

„Ich weiß leider nicht viel über die Zeit. Es wäre sicher interessant etwas darüber zu erfahren“, antwortete ich ihr. „Es würde mich freuen, wenn sie mir vermitteln würden, wie es hier früher war.“

Jetzt dreht sich die Gräfin in meine Richtung und sah mir mit ihren unergründlichen Augen tief in die meinen.

„Ich werde euch nicht mit langweiligen Zahlen behelligen, aber ich werde versuchen euch die Zeit etwas näher zu bringen. Es kann nicht schaden, wenn ihr einen Eindruck davon bekommt.“

Daraufhin wandte sie sich von mir ab und ging Richtung Tür. Dabei folgte ich ihr und war verwundert, dass sie nicht im Raum blieb. Stattdessen folgte ich ihr zur nach oben führenden Treppe und stieg diese hinter ihr hinauf.

Ich will dabei nicht verschweigen, dass ich ihr dabei auf den wohlgeformten Hintern starrte, der sich vor mir wiegend aufwärts bewegte.

Am Treppenende angekommen staunt ich nicht schlecht, als ich in einem überlangen Flur stand, an dem der ganzen Länge nach, große und kleine Bilder hingen.

Sie zeigten alles irgendwelche Porträts von Männern und Frauen.

Wir gingen an ihren entlang bis zum Ende oder Anfang, wie man es auch immer sah. In diesem Fall war es eher ein Anfang, denn hier hing ein mehr als dunkles Bild eines Mannes, was kaum noch zu erkennen war. Auch die Art zu malen war sehr alt und es war eher ein stilisiertes Porträt als eine wirkliche Abbildung des Kopfes.

Hier blieb die Gräfin stehen und erklärte mir, was es mit dem Bild auf sich hatte. Es zeigte die erste Abbildung eines Vorfahren von Ihr, was noch vorhanden war. Ihr Stammbaum ging zwar noch weiter zurück, aber über diese Ahnen gab es keine Bilder.

Hatte ich jetzt befürchtet einen endlosen Vortrag über jeden zu bekommen, der hier hing, so hatte ich mich getäuscht. Der Vortrag wurde zwar lang, aber alles andere als langweilig. Frau Gräfin konnte so interessant erzählen, dass es einem so vorkam, als wenn sie dabei gewesen wäre. Sie kannte natürlich die Namen und Daten, ließ sie aber nur nebenbei fallen, erzählte dafür aber interessantere Dinge, manchmal sogar lustige Anekdoten über diese oder jenen. Es machte ihr anscheinend besondere Freude darüber zu erzählen, wenn ein schwarzes Schaf in der Familie war oder eine Affäre lief. So manches Mal stahl sich bei mir als auch bei ihr ein Lächeln auf das Gesicht.

War sie mir zuvor noch steif und unnahbar erschienen, so kam es mir jetzt nicht mehr ganz so vor.

Wir hatten noch die Ahnenreihe noch nicht zur Hälfte abgeschritten, standen wir vor einem eher kleinen Bild einer jungen Frau und mir fuhr es wie ein Schlag durch den Körper. Sie war nicht naturalistisch gemalt, wie es zu der Zeit üblich war, aber ich erkannte sie sofort. Es zeigte ganz klar die Frau, die mir die Nacht zuvor erschienen war. Es gab kein Zweifel, sie war es, genau so hatte sie ausgesehen.

Frau Gräfin sah mich auf einmal an und meinte: „Ist etwas mit euch? Ihr seht ein wenig blass aus?“

Ich schüttelte mit dem Kopf und versuchte meine leichte Verwirrung zu überspielen. „Wann sagten sie, hat diese Dame gelebt?“

„Sie starb im Alter von 25 Jahren, im Jahre des Herrn 1371. Ihr Name war Ness von Hochfeldz, ihre Schwester war eine direkte Vorfahrin von mir. Leider gibt es kein Bild von ihr, sie soll aber ähnlich ausgesehen haben.“

Frau von Hochfeldz ging bereits zum nächsten Bild, aber ich konnte mich kaum von diesem trennen. Doch dann löste ich mich davon und ging zu ihr herüber. Das Bild was sie betrachtete war gar keins, denn es war nur ein leerer Bilderrahmen. Überhaupt folgten nur noch Rahmen, aber keine Bilder mehr.

Frau Gräfin meinte nur noch, dass alle weiteren Bilder leider verloren gegangen seien, da es einmal auf der Burg gebrannt hätte.

Frau von Hochfeldz merkte, dass ich mich mit etwas anderem Beschäftigte, denn das Bild von Ness ging, mir nicht mehr aus dem Kopf und höre mit ihrer Erzählung auf. Dann meinte sie: „Ich denke wir hören hier erst einmal auf, wenn es euch interessiert, kann ich euch zu einem späteren Zeitpunkt mehr dazu berichten!“

Ich nickte einmal und sah sie mir dabei etwas genauer an. Vielleicht war es nur Einbildung, aber sie hatte ebenfalls ein wenig Ähnlichkeit mit Ness.

„Es würde mich sehr freuen, wenn sie mir noch mehr erzählen würden!“

Dabei fiel mir die Burgruine ein, die ich von dem Bergfried aus gesehen hatte. „Können sie mir auch etwas zu der Ruine sagen, die ich gesehen habe?“

Mir kam es vor, als wenn Frau Gräfin zusammenzuckte, als ich sie danach fragte.

„Zu einem anderen Zeitpunkt!“, meinte sie mit einer Stimme, die sich vollkommen verändert hatte. Hatte sie zuvor bei der Erklärung ihrer Ahnenreihe noch recht locker und fast fröhlich geklungen, war die jetzt eher dunkler und verbittert. Sie wollte anscheinend nicht gerne darüber reden, aber da sie es mir angeboten hatte, würde ich es zu gerne wissen. Ich spürte geradezu, dass hier etwas verborgen war, dass sehr interessant sein könnte.

Ich verabschiedete mich von ihr, den ich wollte noch etwas arbeiten, bevor der Tag langsam zu spät dafür war. Es hatte doch alles länger gedauert, als ich gedacht hatte.

Doch als ich die Treppe herunter kam erwachte erneut meine Neugierde und ich ging noch einmal in den Rittersaal. Ich musste einfach wissen, was sich hinter der Abdeckung befand.

Also ging ich so leise wie möglich zur anderen Seite des Saals und hob langsam und mit Vorsicht das Tuch hoch.

Es war fast eine Enttäuschung, als ich sah, was dahinter war.

Nichts anderes, als ein in einem goldenen Rahmen eingefasster Spiegel war dahinter verborgen. Sehr groß, aber ansonsten sah er nicht besonders aus. Ich sah hinein und konnte nur mich sehen. Was auch sonst. Doch dann sah ich auf einmal hinter mir im Spiegel eine Bewegung. Erschrocken ließ ich das Tuch wieder herunter und drehte mich um. Doch dort war keiner. Wahrscheinlich hatte ich mich getäuscht, und da ich gerade die schlurfenden Schritte von Conlin im Vorraum hörte, konnte nur er es gewesen sein. Also schlich ich wieder zur Tür des Saals und sah vorsichtig hindurch. Hier konnte ich aber niemanden sehen.

Wenig später stand ich vor der Tür des Haupthauses und ging nach draußen.

Was ich nicht gesehen hatte, war die Gräfin. Sie stand oben am Ende der Treppe und beobachtete mich dabei, wie ich aus dem Haus schlich. Ein feines Lächeln umspielte ihren Mundwinkel.

Dieses Mal ging ich zu dem zweiten Nebengebäude, welches ich als baufällig eingestuft hatte. Ich wollte es mir genauer ansehen und nahm es in Augenschein. Für die Tür brauchte ich keinen Schlüssel, den sie war nicht verschlossen. Vorsichtig trat ich ein und schreckte zusammen, als sich über mir im offenen Dachstuhl ein paar Tauben gestört fühlten und aufflogen.

Der untere Teil des Mauerwerks sah noch recht stabil aus, aber schon zwei Meter darüber, fing es an marode zu werden. Die Steine waren nicht mit der gleichen Sorgfalt bearbeitet und aneinandergefügt worden, wie im Mauerwerk der übrigen Burg. Außerdem erschien es mir neuer zu sein, als alles andere. Woran man wieder einmal erkennen konnte, dass nicht alles Alte schlechter sein musste als Neues. Hier war ein leuchtendes Beispiel dafür.

Auch der Dachstuhl war nicht gerade vertrauenserweckend. Ob schon Balken morsch waren, konnte ich von hier unten nicht sagen. Allerdings hatte ich nur wenig Ahnung davon. Das war der Aufgabenbereich eines Zimmermanns oder Dachdeckers, nicht meiner.

Ich ging einmal durch das Gebäude und passte dabei darauf auf, wohin ich trat. Zu viel Taubenkot hatte ich angesammelt und vereinzelnd waren Schindeln herunter gefallen, die auf dem Boden zerschellten. Überall lagen also kleine Gesteinsbrocken herum auf denen man sich schnell den Fuß verknacksen konnte.

Nachdem ich mir alles genau angeschaut hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass dieses Gebäude fast vollständig abgetragen werden müsste, um es dann wieder so aufzubauen, wie es einmal gewesen war. Eine Arbeit, die länger dauern würde und von mir alleine nicht geschafft werden konnte. Das Dach war das Hindernis für mich.

Der Tag war inzwischen schon weit vorangeschritten. Also wollte ich nicht mehr mit etwas Großem anfangen. Also begab ich mich in meine provisorische Werkstatt und bereitete einiges vor. Ich sortierte das Lager, sah mir die verschiedenen Materialien genauer an um sie den jeweiligen Zwecken zuordnen zu können, sobald ich sie brauchte. Währenddessen machte ich mir noch ein paar Notizen, was ich noch benötigte. Diese würde ich Conlin geben.

Zum Schluss begutachtete ich noch den Raum, der für meine Unterkunft bereitstand, wenn ich es wollte. Ein relativ großer Raum, allerdings ohne Einrichtung. Nur ein relativ moderner Holzofen war eingebaut worden, denn eine Zentralheizung war nicht verbaut worden. Wahrscheinlich auch viel zu teuer für den alten Bau und um ehrlich zu sein, auch nicht passend.

Ich hatte mal in einem Haus so etwas gesehen, welches aus dem 18. Jahrhundert war. Es hatte fürchterlich ausgesehen, wie man die hässlichen Radiatoren an die Wände geklatscht hatte. Hier wären wirklich ein paar andere Möglichkeiten in Betracht gekommen. Fußbodenheizung zum Beispiel. Aber auch nur, weil das Haus wirklich bewohnt war. Wäre das nicht gegeben, dann bitte gar keine Heizung. Eben so, wie es ursprünglich auch gewesen ist. Kachelofen oder Herdfeuer. Mehr gab es damals auch nicht.

Mit diesen Gedanken im Kopf überlege ich mir, wie ich den Raum möglichst gemütlich ausstatten müsste, um hier ein halbwegs gutes Leben zu haben. Immerhin war ich mir sicher, dass ich noch monatelang an diesem Ort Arbeit finden würde.

Später ging ich dann noch zu Conlin rüber, den ich wieder über ein Buch gebeugt vorfand. Ich gab ihm meine Liste von noch benötigten Gegenständen und sagte ihm, dass ich mir am nächsten Tag einen freien Tag nehmen würde. Ich wollte die Umgebung ein wenig erkunden.

Conlin nahm die Liste entgegen, überflog sie kurz, nickte mit dem Kopf und versenkte sich wieder in sein Buch. So konnte man es auch machen. Wozu auch sprechen.

So verließ ich die Burg in Richtung Herberge und freute mich schon auf das sicher wieder gute Essen.

Im Gasthaus angekommen, kam mir sogleich ein vertrauter Geruch entgegen. Über dem Feuer hing ein großer Kupferkessel und mir lief schon das Wasser im Munde zusammen.

Es gab einen Eintopf. Eigentlich nichts Besonderes und es wird kaum jemand verstehen, wenn ich sage, dass ich so etwas mancher Delikatesse vorziehe. Hier war es ein dicker, sämiger Linseneintopf, in dem der Löffel fast stecken blieb. Frisches Suppengemüse war verwendet worden und die Möhre darin noch mit leichtem Biss. Darin verarbeitet Rindfleischwürfel, die so zart und faserig waren, dass man sie mit der Zunge am Gaumen zerdrücken konnte und kleine Knochenmarkklößchen. Alles fein abgeschmeckt mit einem geschmackvollen Essig. Dazu wurden gebutterter Toast und ein dunkles Bier gereicht.

Was wollte man mehr. Ein ehrliches, gutbürgerliches Essen ohne Schnörkel. Genauso wie ich es ab und zu liebte.

Ansonsten gab es an diesem Abend nichts Besonderes. Selbst in der Nacht passierte zu meiner Verwunderung ebenfalls nichts. Ich schlief durch wie ein Murmeltier und erwachte am nächsten Morgen frisch und ausgeruht.

Ich hatte mir vorgenommen, einmal die Ruine der anderen Burg zu besichtigen. Sie war nicht weit weg und ich würde sie sicher innerhalb einer Stunde oder etwas mehr erreichen. Es interessierte mich einfach mal, wie diese wahrscheinlich einmal aufgebaut war, um sie mit der, der Frau Gräfin zu vergleichen. Wenn ich auch kein Experte auf dem Gebiet war, so konnte ich sie wenigstens in ihrer Bauart unterscheiden.

Ich frühstückte nicht, denn mit vollem Magen zu wandern, war nicht gut. Aber ich ließ mir von dem Wirt ein wenig was einpacken, damit ich unterwegs etwas zu mir nehmen konnte. Er ließ es fertigmachen und ich bekam es in einem Tuch eingeschlagen überreicht. Ein Stecken hindurch gesteckt und schon konnte ich es wie ein Wandersmann vor vielen Jahrhunderten über die Schulter hängen.

Das Wetter schien gut zu werden. Noch lag etwas Dunst als leichter Schleier über dem Boden und es war noch recht frischt. Doch schon nach wenigen Hundert Metern wurde ich durch das laufen wärmer und es machte Spaß, mit weit ausholenden Schritten dem Ziel näher zu kommen.

Dabei war es gar nicht so einfach, zu finden. Ich musste mehr oder weniger durch unberührten Wald, denn kein Weg kreuzte meine Route. Nur hier und da etwas, was man vielleicht als einen Wildwechsel einstufen konnte, sonst aber nichts. Überhaupt wurden auch diese Anzeichen von Leben immer weniger, je näher ich der Ruine kam.

Nach zwei Stunden dachte ich, dass ich da sein müsste, aber da ich die Mauern noch nicht sehen konnte, entschied ich mich dazu, weiter einen Berg hochzusteigen, um sie von oben ausmachen zu können.

Als ich sie dann endlich sah, war ich darüber erstaunt, wie weit sie noch weg waren. Es kam sicher daher, dass man im unwegsamen Gelände länger brauchte, um ans Ziel zu kommen. Oftmals musste ich umgestürzte Bäume ausweichen oder umständlich über sie klettern. Das kostete natürlich Zeit.

Aber jetzt hatte ich einen Anhaltspunkt und eine Richtung. Wenn ich weiterhin diese einhielt, konnte ich mein Ziel nicht verfehlen.

Hatte ich zumindest gedacht, wäre aber doch beinahe daran vorbeigelaufen, denn das Unterholz war so dicht geworden, dass man nicht mehr besonders weit sehen konnte. Überall hatten sich Brombeeren und anderes Gebüsch so dicht zusammengetan, dass ein Durchkommen fast nicht mehr möglich war.

Doch dann sah ich etwas weiter weg einen Teil der Wehrmauer aufragen und schaffte es ohne mir viele Schrammen zu holen, bis zu ihr hin.

Es war ein eher trauriger Anblick, denn es war eines der noch am besten erhaltenen Fragmente und ragte wie ein mahnender Finger in die Höhe. Der Rest der Mauer war nicht einmal mehr halb so hoch, oder ganz in sich zusammengebrochen. Wobei sehr auffiel, dass fast alle Steine nach innen gedrückt worden waren. Vor der Mauer lagen nur wenige.

Zuerst umrundete ich die Ruine einmal. Es war auch hier nicht einfach, da das überall wuchernde Gestrüpp einen fast nicht durchließ. Aber ich schaffte es doch und kam zu dem Schluss, dass dieses Überreste einer Burg im Grundriss in etwa gleich groß gewesen sein musste wie die von Frau Gräfin.

Erst jetzt betrat ich den mit Trümmern übersäten Innenhof.

Hier wuchs zu meinem Erstaunen nicht ein Grashalm. Nur ein paar abgestorbene Blätter lagen in den wenigen dunkeln Winkeln, die sich zwischen den Gesteinsbrocken gesammelt hatten. Alles in allem ein öde anmutender Ort. Was dazu kam, war die Tatsache, dass es hier vollkommen still war. Hatte ich zuvor im Wald noch ein paar Vogelstimmen gehört, hörte man hier nur noch die eigenen Schritte oder wenn man stehen blieb, den eigenen Atem. Selbst der Wind war eingeschlafen und so vernahm man nicht einmal mehr das Rauschen des Windes, in den Wipfeln der Bäume, die um die Ruine herum standen.

Von den eigentlichen Wohngebäuden war ebenfalls nicht mehr viel übrig geblieben. Nur hier und da standen noch halbhohe Mauern und zeugten davon, wie es hier einmal ausgesehen haben musste.

Wenn ich meine Augen zumachte, konnte ich es recht deutlich vor mir sehen und ich war fast darüber erschreckt, wie es sich mir zeigte. Es war nicht nur ein verwaschenes Bild, wie ich sie so oft sah, sondern es zeigten sich Einzelheiten, die ich sonst niemals gesehen hätte. Sogar Farben konnte ich erkennen, die sich zu Bildern zusammensetzten, die auf mich eine verschreckende aber zugleich auch faszinierende Wirkung hatten.

In der Mitte des zentralen Platzes der Burg stand eine schwarze, große Figur, die ich in meinen Gedanken umrunden musste. Schon von hinten hatte ich erkennen können, dass es eine Figur war, wie ich sie schon ähnlich gesehen hatte, nur um einiges größer. Als ich sie dann von vorne sah, bestätigte sich dies. Es zeigte einen Dämon oder Teufel wie die Brunnenfigur, die ich schon kannte. Nur war diese schrecklicher anzusehen. Die verzerrte Fratze der Figur war größten Teils schwarz nur in im weit geöffneten Mund fuhr eine blutrote Zunge hervor. Sie streckt sich überlang heraus, wobei sie über die nadelspitzen Zähne schrammte, die sowohl aus Unter- als auch Oberkiefer wuchsen.

Ebenso die Augen. Blutrote Augen starrten einen hypnotisierend an, während darüber aus der wulstigen Stirn zwei gedrehte Hörner wuchsen.

Im Gegensatz zu Brunnenfigur versteckte diese Figur aber sein Geschlecht nicht, sonder hielt das übergroße, steife Glied mit beiden Händen umschlossen und präsentierte die gewaltige Eichel, an deren Spitze sich eine feuerrote Flüssigkeit sammelte.

Erschrocken öffnete ich meine Augen und konnte nicht verstehen, warum ich so etwas sah. Doch als ich auf den Boden sah, konnte ich in der Mitte des Platzes zwei dunkle Vertiefungen sehen, in der einmal die Hufe der Figur festgemacht worden sein könnten. Sie waren etwa einen Meter tief und hätten gut als Verankerung gedient.

Was mich dabei allerdings sehr erstaunte war, dass es mir alles nicht fremd vorkam, sondern sonderbarere Weise vertraut. Es stieß mich nicht in den Maßen ab, wie es eigentlich sollte. Vielleicht auch nur deswegen, weil ich im Hier und jetzt lebte und solche Bilder einen nicht mehr erschrecken konnten. Vor einigen Hundert Jahren hätte das ganz anders ausgesehen.

Inzwischen hatte ich etwas Hunger bekommen. Suchte mir eine Mauer aus, die in einem Stück umgestürzt war und somit eine gerade Fläche ergab. Hier öffnete ich das Tuch, was mein Essen beinhaltete.

Der Wirt übertraf sich wieder einmal mit der Auswahl. Fünf verschiedene Sorten Hartkäse kamen zum Vorscheinen, dazu zwei unterschiedliche gut abgehangene Würste, die so hart waren, dass man damit jemanden erschlagen hätte, können. Dazu kam ein halber Laib grauem, frisch riechendem Brot zum Vorscheinen sowie eine Halbliterflasche mit einer dunklen Flüssigkeit. Diese stellte sich als einen tiefroten, schweren Wein heraus, der hervorragende zu dem Käse schmeckte.

Also schnitt ich mir mit einem Messer kleine Häppchen vom Käse genauso wie vom Brot ab und steckte sie mir beide genüsslich in den Mund. Es war ein Genuss auf ihnen herumzukauen und es dann mit einem kleinen Schlückchen Wein herunterzuspülen.

Während ich so weiter futterte, sah ich mich um und entdeckte immer mehr Details, die ich automatisch immer wieder mit der Burg von Frau Gräfin verglich.

Dabei dachte ich einen Moment nach, wie noch ihr Vorname war. Dann fiel er mir wieder ein und ich sagte ihn mir laut vor. „Genefe, Genefe!“

Ein wirklich schöner Name. Wenn er auch sehr alt klang, passte er irgendwie zu ihr. Er hatte einen weichen Klang, zumindest wenn man ihn so aussprach, wie ich es tat.

Mit Conlin war es nicht viel anders. Auch diesen Namen hatte ich zuvor noch nie gehört, passte aber genauso zu ihm und der Burg wie Genefe.

Weiter kaute ich auf meinem Brot herum und genoss es seltsamerweise an diesem Ort zu sein. Immerhin herrschte eine Totenstille. Aber vielleicht kam es auch daher, dass es relativ warm war und die Sonne ihre hellen Strahlen zur Erde schickte.

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