Der Zauberring

Der Zauberring

(Russisches Volksmärchen)

Es war einmal ein Dorf, in dem drei Brüder lebten. Als der Zeitpunkt kam, da sie nicht mehr zusammen leben wollten, beschlossen sie, ihre Erbschaft aufzuteilen. Jedoch war das Glück nicht allen hold. Es ergab sich, daß der große Teil der Habe an die beiden älteren Brüder fiel, während für den jüngsten so gut wie nichts übrigblieb.

Alle drei waren Junggesellen. Als sie eines Tages zu dritt auf der Straße wanderten, beschlossen sie, daß es Zeit sei zu heiraten.

„Ihr braucht euch ja nicht zu sorgen“, sprach der dritte Bruder, „denn ihr seid reich und ihr werdet ein reiches Weib finden. Aber was wird aus mir? Ich bin arm, und was mein Vermögen anbelangt, so habe ich nichts, als meinen Schwanz, der bis zum Knie reicht.“

Zufällig geschah es, daß gerade eine Kaufmannstochter des Weges kam. Sie vernahm die Rede der drei Brüder und sagte zu sich:

„Oh! Könnte ich nur diesen jungen Mann heiraten! Er hat einen Schwanz, der bis zum Knie reicht!“

Alsbald heirateten die älteren Brüder, der jüngste jedoch blieb ledig.

Alldieweil wurde die Kaufmannstochter vom Gedanken geplagt, diesen Jüngling zu ehelichen. Viele ehrbare Kaufleute baten um ihre Hand, aber sie verschmähte sie alle.

„Den einzigen Gatten, den ich möchte, ist der Jüngling Langschwanz,“ sprach sie.

Ihre Eltern nahmen sie ins Gebet.

„Was glaubst du denn, du dummes Ding? Sei vernünftig! Wie kannst du denn einen pfenniglosen Tölpel zum Mann wollen?“

„Macht euch darum keine Gedanken“, antwortete sie, „ihr müsst ja nicht mit ihm leben.“

Dann zog sie eine alte Kupplerin zu Rate und schickte sie aus, um den Jüngling zu holen, auf daß er um ihre Hand bitten möchte.

Die Kupplerin ging zum Haus des Bauern und sprach zu ihm:

„Nun höre gut zu, mein lieber Junge! Was quälst du dich ab mit den ärmlichen Verhältnissen? Mach dich auf den Weg und bitte die Kaufmannstochter um ihre Hand. Sie ist seit langem in Liebe zu dir entbrannt und möchte dich gerne zum Mann.“

Staunend vernahm’s der Jüngling. Er zog seinen Sonntagsrock an, setzte eine neue Mütze auf und ging geradewegs zum Vater des Mädchens. Schon von Ferne erkannte ihn die Kaufmannstochter wieder: Das also war der Mann mit dem Schwanz bis zum Knie. So sehr bestürmte sie nun ihren Vater, daß die Eltern ihre Zustimmung zur Ehe gaben.

In der Hochzeitsnacht aber entdeckte die Braut zu ihrem Schrecken, daß der Schwanz ihres Gatten nicht viel länger als ein Fingerlein war.

„Du Schuft, du Betrüger!“ schrie sie.

„Du hast geprahlt, daß dein Schwanz bis zum Knie reicht. Wo ist er geblieben?“

„Oh liebstes Weib, du musst wissen, daß ich vor der Ehe bettelarm war. Da ich kein Geld hatte, um das Hochzeitsmahl zu bezahlen, brachte ich meinen Schwanz zum Pfänder.“

„Und wieviel hast du dafür bekommen?“

„Nicht viel, 50 Rubel.“

„Also gut. Morgen werde ich meine Mutter um 50 Rubel bitten, dann kannst du deinen Schwanz wieder einlösen. Wage dich ohne diesen Schwanz ja nie wieder über meine Schwelle.“

Am nächsten Tag eilte die junge Braut zum Haus ihrer Mutter.

„Bitte, liebe Mutter, gib mir 50 Rubel, ich brauche sie ganz unbedingt.“

„ Wofür mein liebstes brauchst du sie?“

„Liebe Mutter, einst hatte mein Gatte einen Schwanz, der bis zum Knie reichte. Aber, da der Ärmste das Hochzeitsmahl nicht bezahlen konnte, gab er ihn für 50 Rubel an den Pfänder. Jetzt aber misst der Schwanz meines Gatten nur ein Fingerlein. Er muss den alten unbedingt wiederhaben.“

Die Mutter erkannte die Nöte der Braut, und sie gab ihrer Tochter 50 Rubel.

Sofort eilte die junge Frau zu ihrem Gatten und sprach:

„Hier! Jetzt mach dich auf den Weg und hol deinen alten Schwanz zurück! Niemand anderes soll in seinen Genuß kommen!“

Der junge Mann nahm das Geld und zog schweren Herzens von dannen.

„Was wird wohl aus mir werden“, sprach er zu sich.

„Wie kann ich für mein Weib einen solchen Schwanz bekommen?“

Als er ein Stück des Weges gezogen war, stieß er auf ein altes Weib.

„Einen guten Tag wünsche ich dir, altes Mütterlein!“

„Dir selbst einen guten Tag, Jüngling! Wohin ziehst du?“

„Oh altes Mütterlein, wenn du wüsstest, was mich bedrückt! Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll!“

„Sag mir deinen Kummer, Jüngling, vielleicht kann ich dir helfen.“

„Ich schäme mich zu sehr!“

„ Fürchte dich nicht, sag’s geradeheraus.“

„ Nun denn, altes Mütterlein, solches ist mir widerfahren: Einst prahlte ich, daß ich einen Schwanz hätte, der bis zu meinem Knie reicht. Die Kaufmannstochter hörte meine Worte und heiratete mich. Aber in unserer Hochzeitsnacht entdeckte sie, daß mein Schwanz nicht länger als ein Fingerlein misst.

Jetzt ist sie zornig: „Was hast du mit deinem langen Schwanz getan?“ fragte sie mich. Ich log, daß ich ihn für 50 Rubel versetzt hätte. Nun gab sie mir das Geld und befahl mir, den Schwanz vom Pfänder zurückzuholen oder niemals wieder ihre Schwelle zu betreten. Was wird wohl aus mir werden?“

„ Gib mir das Geld“, sagte das alte Mütterlein, „ und ich werde dir helfen!“

Sofort zählte der Jüngling die 50 Rubel bar auf ihre Hand und erhielt von dem Mütterlein als Gegenleistung einen Ring.

„Hier“, sagte sie, „nimm diesen Ring und stecke ihn über deinen Fingernagel, aber nicht weiter.“

Der Jüngling tat es – und sofort wuchs sein Schwanz auf die Länge von einem Cubit.

„Na“, sagte das alte Mütterlein, „ist er jetzt lang genug?“

„Schon, altes Mütterlein, aber bis zu meinem Knie reicht er noch immer nicht.“

„Du brauchst nur den Ring den Finger hochzuschieben, mein Jüngling.“

Er schob den Ring hinauf bis zur Mitte seines Fingerleins – und plötzlich hatte er einen Schwanz von sieben Werst Länge.

„Oho, altes Mütterlein, was soll ich jetzt tun? Ein Schwanz von solcher Länge bringt nur Kummer!“

„Zieh den Ring herunter bis zum Fingernagel, dann ist dein Schwanz nur einen Cubit lang. Damit magst du zufrieden sein. Und gib acht, daß du den Ring niemals zu hoch schiebst!“

Der junge Mann dankte dem alten Mütterlein und machte sich auf den Heimweg, glücklich bei dem Gedanken, daß er nicht mit leeren Händen zurückkehren würde.

Als er lange gewandert war, spürte er Hunger im Bauch. Er setzte sich an einen Bach, nahm Brot aus seinem Knappsack, tauchte es ins Wasser und begann zu essen.

Danach legte er sich auf den Rücken und bewunderte die Wirkung des Ringes: Sobald er ihn auf seinen Fingernagel zog, stand sein Schwanz einen Cubit hoch; und schob er ihn hinauf bis zur Mitte seines Fingers, dann wuchs sein Schwanz auf eine Höhe von sieben Werst; nahm er den Ring gänzlich vom Finger, dann schrumpfte sein Schwanz auf das alte bescheidene Ausmaß zusammen.

Nachdem sich der Bauernjüngling ein paarmal auf diese Weise vergnügt hatte, wurde er müde und schlief ein, vergaß aber, den Ring in seine Tasche zu stecken und ließ ihn neben sich auf einem Stein liegen.

Nun geschah es, daß ein Edelmann und sein Weib in ihrer Kutsche des Weges kamen. Als er den funkelnden Ring neben dem schlafenden Bauernjüngling sah, ließ der Edelmann die Kutsche anhalten und sprach zu seinem Diener:

„Los, hol den Ring des Bauern und bring ihn mir.“

Der Diener führte den Befehl seines Herrn aus, und bald verschwand die Kutsche am fernen Horizont.

Der Edelmann war von der Schönheit des Ringes angetan.

„Schau, Liebling, wie hübsch der Ring ist“, sprach er zu seinem Weib, „ich möchte wohl sehen, wie er auf meinen Finger passt.“

Und er schob bis zur Mitte seines Fingers: Sofort schoss sein Schwanz in die Länge, stieß den Kutscher vom Kutschbock, strich über die Häupter der Pferde und streckte sich sieben Werst vor der Kutsche her.

Von Entsetzen gepackt schrie der Edelmann seinem Diener zu:

„Lauf zurück zum Bauern und bring ihn hierher!“

Der Diener rannte zum Jüngling, weckte ihn auf und sprach:

„Komm mit zu meinem Herrn und beeile dich!“

Inzwischen hatte der Jüngling das Fehlen des Ringes bemerkt.

„Der Teufel mag dich holen! Hast du meinen Ring geklaut?“

„Du brauchst nicht zu suchen“, antwortete der Diener, „komm mit zu meinem Herrn, er hat ihn genommen! Dein Ring, lieber Freund, hat uns eine ganz schöne Suppe eingebrockt.“

Schneller als ein Augenzwinkern lief der Jüngling zu der Kutsche.

„Verzeih mir“, sprach der Edelmann in kläglichem Tonfall, „hilf mir aus diesem Ungemach!“

„Was geht Ihr mir dafür, Herr?“

„Hier, nimm 200 Rubel!“

„Wenn Ihr mir 200 Rubel gebt, dann helfe ich Euch.“

Der Jüngling nahm das Geld und zog den Ring vom Finger des Edelmannes. Sofort schrumpfte der Schwanz des Herrn auf seine frühere Größe zurück. Die Kutsche fuhr los, und der Jüngling setzte seinen Weg fort.

Vom Fenster aus sah ihn sein Weib kommen. Neugierig eilte sie ihm entgegen.

„Na“, fragte sie ihn, „hast du ihn beim Pfänder ausgelöst?“

„Ja.“

„Los, zeig ihn mir!“

„Lass uns in das Haus gehen, auf der Straße kann ich ihn dir doch nicht zeigen.“

Kaum waren sie drinnen, forderte das Weib: „Zeig ihn mir! Zeig ihn mir!“

Er schob den Ring über seinen Fingernagel und spürte, wie sein Schwanz wuchs. Er holte ihn aus der Hose heraus und sprach: „Schau, Weib!“

Entzückt sah sie ihn an und küsste ihn.

„Meinst du nicht auch, daß es viel besser ist, einen solchen Schatz im Haus zu behalten, als ihn beim Pfänder zu versetzen? Komm, lass uns ein Festmahl essen, dann gehen wir ins Bett und probieren ihn aus.“

Sofort begann sie den Tisch mit Schüsseln und Schalen zu decken. Üppig schmauste das Paar, dann ging es zu Bett. Und als die Frau einmal in den Genuss des langen Schwanzes gekommen war, spähte sie die nächsten drei Tage immer wieder unter ihre Röcke, weil sie meinte, den Schwanz immer noch zwischen den Beinen zu spüren.

Eines Tages, als ihr Gatte unter einem Apfelbaum im Garten ein Schläfchen hielt, besuchte sie ihre Mutter.

„Sag mir“, sprach das Kaufmannsweib zu ihrer Tochter, „hat er den Schwanz wiederbekommen?“

„In der Tat, Mutter“, antwortete das junge Weib, und sie erzählte in allen Einzelheiten von dem wundersamen Schwanz.

Als das Kaufmannsweib staunend zuhörte, überfiel sie der Gedanke, fortzuschleichen, in den Garten ihres Schwiegersohnes zu gehen und den ungeheuren Apparat selbst auszuprobieren.

Tatsächlich gelang es ihr, sich wegzustehlen, und heimlich eilte sie zum Garten des Bauern. Sie sah ihn schlafend unter dem Baum liegen. Der Ring steckte auf seinem Fingernagel, und sein Schwanz reckte sich auf eine Höhe von einem Cubit.

„Jetzt setzte ich mich auf seinen Schwanz“, sprach die Schwiegermutter zu sich, als sie sich dem Jüngling genähert hatte.

Gesagt, getan. Doch sie hatte Pech. Als sie sich auf ihn setzte, rutschte der Ring vom Fingernagel hinauf zur Mitte des Fingers, und plötzlich, als der Schwanz wuchs, schoss die Schwiegermutter sieben Werst in die Höhe.

In der Zwischenzeit hatte die Tochter die Abwesenheit ihrer Mutter bemerkt und Verdacht geschöpft. Jetzt eilte sie heim. Im Haus war niemand; als sie in den Garten trat, traute sie ihren Augen nicht:

Ihr Gatte lag schlafend im Gras, sein Schwanz reckte sich in die Höhe, und ganz, ganz oben, so hoch, daß man es kaum sehen konnte, saß die Kaufmannsfrau und schwang in der Brise wie ein Wetterhahn. Was tun? Wie konnte man wohl die Mutter aus ihrer schwierigen Lage befreien?

Bald hatte sich eine große Menge versammelt und eifrig besprach man die verschiedenen Möglichkeiten einer Lösung. Jedermann wartete mit seinem Rat auf.

„Nur eins ist in einem solchen Fall zu tun“, sagte einer, „wir müssen eine Axt holen und den Schwanz fällen.“

„Mitnichten“, antworteten andere, „das wäre auf keinen Fall günstig, vielmehr bedeutete es den Tod zweier Menschen. Würden wir den Schwanz fällen, so fiele das Weib zu Boden und würde jeden Knochen ihres Körpers brechen. Lasst uns lieber beten; vielleicht tut Gott ein Wunder und rettet die alte Frau.“

Mitten in all der Verwirrung erwachte der schlafende Jüngling und erkannte, daß der Ring in der Mitte seines Fingers steckte. Sein Schwanz, der senkrecht in die Höhe ragte, drückte ihn so mächtig, daß er sich nicht einmal zur Seite drehen konnte.

Sanft und vorsichtig verschob er nun den Ring nach unten. Langsam schrumpfte sein Schwanz, und als er nur noch einen Cubit hoch war, bemerkte der Jüngling, daß seine Schwiegermutter auf seiner Spitze saß.

„Was machst du denn da, liebe Schwiegermutter?“ fragte er.

„Vergib mir, mein lieber Schwiegersohn. Ich werde es ganz bestimmt nicht wieder tun.“

Fortan wich die Kaufmannstochter ihrem Gatten nicht mehr von der Seite, aus Sorge, ihm könnte eines Tages doch noch etwas schreckliches geschehen.

Und sie hatte seinen wundersamen Schwanz immer zur Verfügung, wenn es sie danach gelüstete.

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