Späte Erleuchtung – Wo gehöre ich hin?

[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]

2. Wo gehöre ich hin?

Noch immer -beziehungsweise schon wieder- schwankte ich; ich kann doch nicht wirklich schwul sein? In den nächsten zwei Jahren (oder so) konzentrierte ich mich erstmal wieder auf meinen Job, der mir sehr viel Spaß machte, schloss neue Freundschaften, sowohl männliche als auch weibliche, jedoch ohne dass ich an einer Person besonderes Interesse gehabt hätte. Ich war inzwischen 24 und immer noch Single, als ich zum allerersten Mal mit dem Thema HIV konfrontiert wurde. In einem Einzelzimmer der Klinik, in der ich nun arbeitete, lag ein Patient, der sich durch den Umgang mit einer schmutzigen Spritze (nicht durch Sex!) mit dem HI-Virus infiziert hatte und an AIDS erkrankt war. Noch wusste man noch nicht allzu viel darüber, und alle hatten Angst davor. Auch ich. Trotzdem ging ich gerne zu ihm – er war Mitte 30, also ein ganzes Stück älter als ich, erzählte und lachte gerne und viel. An seiner Zimmertür hing ein Sc***d: „Vor dem Betreten bitte beim Pflegepersonal melden!“ Eigentlich wartete er bei uns nur auf einen Platz im Hospiz, und war die meiste Zeit allein. Er wusste, dass er nicht mehr allzu lange zu leben hatte. Zuerst noch mit Handschuhen, Überschuhen und Mundschutz „bewaffnet“, brachte ich ihm sein Essen (in Einweg-Geschirr, das dann separat entsorgt wurde), gab ihm seine Medikamente und redete mit ihm.
In einer Nachtschicht führte ich dann ein langes Gespräch mit unserem Oberarzt. Doktor „Hör-mich-an“ (mit diesen Worten begann er grundsätzlich, wenn er uns etwas mitzuteilen hatte), war ein aus Polen stammender, kurz vor der Pensionierung stehender Internist, der sich in letzter Zeit recht intensiv mit dem Thema HIV auseinander gesetzt hatte, und auch Vorträge darüber hielt. Zuvor hatte ich zwar schon hier und da mal darüber gehört, aber so direkt hatte ich bisher noch nie etwas zu tun gehabt. Am Ende des Gespräches meinte Doc „Hör-mich-an“ (so nannten wir ihn alle – allerdings nur, wenn er nicht dabei war, denn man hatte damals noch viel Respekt vor dem Chef- und dem Oberarzt!) zu mir: „Hör mich an, brauchst Du nicht so viel Angst haben, Du kannst nicht anstecken, solange Du nicht Blut, Stuhl, Urin, oder Speichel von ihm direkt berührst. Bei Essen abräumen, Spritze geben oder Urinflasche sauber machen, zieh Handschuhe an und danach gründlich waschen und Desinfektion. Mundschutz und Überschuhe brauchst du nicht – ist auch besser für Patient, wenn er richtig Dein Gesicht sieht.“ Am nächsten Tag ging ich wieder zu „meinem“ Patienten“ – ich mochte ihn irgendwie, und scheinbar war ich der Einzige, der sich etwas intensiver um ihn kümmerte. Jetzt hatte ich nur noch die Einmal- Handschuhe an, in sein Zimmer stellte ich einen verschließbaren Mülleimer, in dem die Schutzkleidung entsorgt werden konnte. Zwei Wochen später wurde er dann in ein Hospiz verlegt – inzwischen war er schwach und fest bettlägerig geworden. Das Zimmer wurde gründlich gereinigt und desinfiziert.
Noch ein- oder zweimal besuchte ich ihn im Hospiz, dann sah ich ihn nie mehr wieder. Inzwischen wusste ich aber durch unseren Oberarzt, dass HIV auch, und besonders, durch Sex (vor Allem unter Männern) übertragen werden konnte. Ich musste zurückdenken an die Zeit mit Stefan, und war nun insgeheim doch sehr froh darüber, dass es nicht dazu gekommen war, was wir uns damals eigentlich so sehr gewünscht hatten. So langsam aber sicher versuchte ich – nach insgesamt etwas über 3 Jahren Single- Dasein wieder „Fuß zu fassen“, und ein nettes Mädel kennen zu lernen. Jungs waren wieder einmal kein Thema für mich. Doch nach weiteren zwei kurzen, eigentlich von vorne herein zum Scheitern verurteilten Beziehungen hatte ich dann auch endgültig keine Lust mehr auf Frauen – aber komischerweise zogen auch Männer mich nicht an. Schon Ende der 70er lernte ich meine spätere Frau kennen – zunächst war es einfach nur eine Freundschaft; keiner von uns ahnte damals, dass wir mal heiraten würden. Erst über 7 Jahre später, Mitte der 80er Jahre – ich war inzwischen 28 – begann ich, mich mehr für sie zu interessieren; nun lief ich sozusagen hinter ihr her, denn sie war entweder gerade in einer Beziehung oder wir hatten den Kontakt verloren. Bis dahin war ich die meiste Zeit Single und einfach nur zufrieden damit.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *