Die wahre Geschichte der Q

In letzter Zeit hat das Buch „Die Geschichte der Q“ einiges Aufsehen erregt. Es handelt sich dabei um eine vorgeblich wahre Biographie, deren Protagonistin namens Alexis Q allerlei ausschweifende sexuelle Abenteuer zugeschrieben werden. Tatsächlich ist der Inhalt jedoch reine Fiktion. In der folgenden Entgegnung möchte ich diese einer überbordenden Fantasie entsprungenen absurden Ergüsse richtigstellen. Dies ist die wahre Geschichte der Q.

In der Biographie heißt es, Q wäre in Wien als Tochter der Prostituierten Anna M., einer Nachfahrin der berühmten Josephine M., aufgewachsen und hätte schon in jungen Jahren ihrer Mutter beim Verkehr mit Kunden zugesehen. Ja, es wird sogar angedeutet, sie hätte daran teilgenommen und, kaum volljährig, begierig eigene Erfahrungen im horizontalen Gewerbe gesammelt.

In Wirklichkeit hatte Q eine behütete Kindheit. Ihre Mutter war Buchhalterin, und sie verlor ihre Jungfräulichkeit erst mit achtzehn Jahren an einen Schulkollegen. Ihr bis dahin aufregendstes erotisches Erlebnis war es, die Pornosammlung ihres Vaters sowie die Vibratoren ihrer Mutter zu entdecken, was ihre Entwicklung zugegebenermaßen nachhaltig beeinflußte und sie zu ausufernder Masturbation trieb.

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Als Neunzehnjährige, so wird weiters behauptet, sei Q Hauptdarstellerin des legendenumrankten Geheimpornos „Luisas Orgie“ gewesen, der in gewissen Kreisen Kultstatus genoß, mittlerweile aber als verschollen gilt. Dabei soll sie acht Stunden lang mit zwanzig Männern Geschlechtsverkehr gehabt und mit jedem einzelnen davon zum Höhepunkt gekommen sein. Die Ausdauer und Unersättlichkeit der scheinbar unschuldigen jungen Frau habe sogar den altgedienten Pornoregisseur John B. zutiefst beeindruckt.

Außerdem kursieren wilde Gerüchte über die Gewalttätigkeit des Films. Es wird kolportiert, die Hauptdarstellerin habe einen Partner bis zur Bewußtlosigkeit oder gar bis zum Tod gewürgt, um sich zum Orgasmus zu bringen. Tatsächlich handelt es sich um einen gewöhnlichen, amateurhaft gemachten Gruppensex-Porno. Wie ein erhaltenes Fragment zeigt, war Q nicht einmal an den sexuellen Aktivitäten beteiligt, sondern ist nur als Statistin in der Rolle eines Hausmädchens voll bekleidet zu sehen.

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Im folgenden Kapitel wird die angebliche Beziehung von Q mit dem italienischen Pornostar Rico L. geschildert. Sie soll unangemeldet zu einem Vorsprechen in Mailand erschienen sein und ihn mit ihrer erotischen Ausstrahlung und ihrer unverblümten Frivolität derart in ihren Bann gezogen haben, daß er sie sofort zu einer spontanen Probeaufnahme bat und sie nach einer mehr als befriedigenden Performance für seinen nächsten Film engagierte.

Nicht nur vor der Kamera, auch privat hätten sich die beiden miteinander vergnügt. Q wäre die einzige Frau gewesen, die seinen legendären 25 Zentimeter-Schwanz die ganze Nacht nehmen konnte, und das mit Genuß. Die Affäre habe zwei Jahre gedauert, und als sie ihn verließ, sei er untröstlich gewesen. Er wird dazu mit den Worten zitiert „Q war der beste Fick, den ich je hatte“.

In der Realität war Q zwar eine Verehrerin von L. und hatte alle seine Filme gesehen, aber ihre Fanpost blieb unbeantwortet. Auch ihr Versuch, zu einem Vorsprechen bei ihm zu kommen, war erfolglos. Seine Sekretärin Rita G. kann sich dunkel an eine unscheinbare junge Frau erinnern, die wie viele andere von ihr abgewiesen wurde. „Die Mädels wollten alle seinen Schwanz, aber wir konnten nur Profis brauchen“, so G. Allerdings besaß Q einen nach seinem Penis modellierten Dildo, den sie ausgiebig benutzte.

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Weiters wird Q die Urheberschaft des äußerst erfolgreichen, anonym veröffentlichten erotischen Romans „Karens Erwachen“ zugeschrieben. Es wurde viel darüber spekuliert, ob der Autor dieses unbestrittenen Meisterwerks ein berühmter Literat ist. Selbst Nobelpreisträger wurden dafür genannt. Dieses Rätsel ist bis heute ungelöst, mit Sicherheit können wir aber sagen, daß es sich nicht um Q handelt.

Sie versuchte sich zwar im Genre der erotischen Literatur, nennenswerter Erfolg blieb ihr aber versagt. Einige Geschichten veröffentlichte sie im Selbstverlag, teils unter Pseudonymen wie Claire Lebeau, ohne eine große Leserzahl zu finden. Das hielt sie nicht davon ab, ihre abstrusen perversen Fantasien weiterhin zu Papier zu bringen, wenn auch nur um sich selbst zu vergnügen und zu erregen.

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Mit den Einkünften aus dem Roman soll Q ein luxuriöses Loft in Paris erworben und sich dort in der gehobenen Gesellschaft etabliert haben. Jede Nacht habe sie Liebhaber oder Liebhaberinnen empfangen, denn ihren Verführungskünsten konnte niemand widerstehen. Unter ihren Affären seien berühmte Schauspieler, Musiker, Schriftsteller sowie die Tochter des Präsidenten gewesen. Sogar eine Orgie mit dem Präsidenten, seiner Frau und seiner Tochter wird ihr nachgesagt.

Tatsächlich lebte Q zurückgezogen in einer kleinen Kellerwohnung und ging tagsüber einem langweiligen Job nach. Nachts ergab sie sich ihren ausufernden erotischen Fantasien, die sie kettenrauchend an ihrem Laptop sitzend in Geschichten goß, oder masturbierte hemmungslos. Sie dürfte gelegentliche sexuelle Beziehungen mit Männern und vielleicht auch Frauen (mehr dazu im folgenden Abschnitt) gehabt haben, meist blieb sie aber für sich und lebte in ihrer eigenen Gedankenwelt.

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Breiter Raum wird den Beziehungen von Q mit Frauen gewidmet. Insbesondere mit einer namentlich nicht genannten berühmten Schauspielerin soll sie eine innige Affäre verbunden haben. Die leidenschaftlichen Liebesnächte der beiden mit unzähligen Orgasmen werden in allen Details geschildert. Die Schauspielerin wäre Q so verfallen, daß sie ihretwegen ihren ebenso prominenten, und im übrigen mit einer beeindruckenden Männlichkeit ausgestatteten, Verlobten verließ.

Nun geht es in den Geschichten von Q auffallend oft um lesbische Abenteuer, meist von vermeintlich heterosexuellen Frauen, die mit einer Geschlechtsgenossin sexuelle Erfüllung finden. Dieses Thema hat ihre Fantasie offensichtlich intensiv beschäftigt, doch ob sie diese Wunschvorstellungen in die Tat umsetzte, bleibt unklar.

Laut manchen ihrer Bekannten war ihre einzige Erfahrung mit einer Frau ein betrunkener Kuß auf einer Party. Andere behaupten, sie hätte ihre Neugier auf das eigene Geschlecht gestillt, indem sie auf einschlägigen Websites Partnerinnen für Sexdates suchte. Sollten diese Begegnungen je stattgefunden haben, handelte es sich jedenfalls nur um hastige One Night Stands und keineswegs um die ihr angedichteten glamourösen und leidenschaftlichen Affären.

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Viele Gerüchte ranken sich um den Tod von Q, der ihr schließlich zu Berühmtheit verhalf. Laut der offiziellen Version starb sie durch Strangulation, mutmaßlich während autoerotischer Stimulation. Allerdings wurde immer wieder darüber spekuliert, ob an diesen Spielen ein Partner beteiligt war. In Verdacht geriet die Schauspielerin Jacqueline F., über deren sadomasochistische Neigungen seit langem getuschelt wurde. Es hieß, nur ihr Starruhm und ihre Beziehungen zu hohen Justizkreisen hätten sie vor einer Anklage bewahrt.

Die Wahrheit ist jedoch eine andere. An dieser Stelle soll enthüllt werden, daß Q ihren Tod nur vortäuschte. Es war nichts als ein schamloser Betrug, um Bekanntheit zu erlangen und ihren mittelmäßigen literarischen Ergüssen Aufmerksamkeit zu verschaffen. In Wirklichkeit erfreut sich Q nach wie vor bester Gesundheit, während sie eifrig an weiteren Geschichten arbeitet, die vorgeblich posthum veröffentlicht werden sollen.

Auch wenn diese Behauptungen schockierend erscheinen mögen, kann ich mich dafür verbürgen, daß sie voll und ganz den Tatsachen entsprechen. Ich habe dies niedergeschrieben, weil es Zeit ist, die Öffentlichkeit über diese arglistigen, wenn auch mit bewundernswerter Fantasie erdachten, Täuschungsmanöver aufzuklären. Nun, lieber Leser, kennst du also meine wahre Geschichte.

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