Ein mörderischer Fick

Der Widerhall ihrer Schritte dröhnte in Naomis Ohren, als sie den Gang zum Besuchsraum des Gefängnisses entlangschritt. Sie hatte hier schon öfters Klienten besucht, auch solche, die unter Mordanklage standen, aber diesmal war sie ungewohnt nervös. Das lag nicht nur an dem öffentlichen Aufsehen, das dieser Fall hervorgerufen hatte, sondern auch an der Person, die sie vertreten sollte.

Nachdem sie sich an den Tisch gesetzt hatte, öffnete Naomi ihren Aktenkoffer und versuchte das leichte Zittern ihrer Hände zu unterdrücken. Nach kurzer Zeit erschien eine gutmütige, untersetzte Wärterin namens Lauren, die Naomi von ihren früheren Besuchen kannte, mit der Gefangenen. Sharona Harding war eine attraktive vierzigjährige Blondine mit stahlblauen Augen, die selbst im orangefarbenen Häftlingsoverall wohl noch die Blicke aller Männer auf sich gezogen hätte.

Die Wärterin nahm ihr wortlos die Handschellen ab und postierte sich vor der Türe, die sie von außen verschloß. „Haben Sie mir die Zigaretten mitgebracht?“, fragte Sharona ungerührt. „Natürlich.“ Sie nahm das Päckchen, das Naomi ihr zusammen mit einem Feuerzeug reichte, riß es auf und zündete sich eine Zigarette an.

Mit einem tiefen Zug sog sie den Rauch ein, zog gleichzeitig den Reißverschluß ihres Overalls ein Stück hinunter und beugte sich vor, so daß der Ansatz ihrer perfekt geformten Brüste sichtbar wurde. Naomi war bewußt, daß sie eine Show abzog, und sie hatte angesichts von Sharonas Verhalten gegenüber den Medien, die in ihr die ideale Verkörperung des eiskalten Engels gefunden hatten, nichts anderes erwartet, dennoch zog ihre Klientin sie in ihren Bann.

„Also, Miss Feldman“, begann Sharona. „Ich weiß, daß Sie zu den fähigsten Strafverteidigerinnen in New York zählen. Ich kann mich doch darauf verlassen, daß Sie mich hier schnellstmöglich rausholen?“ – „Ich werde mein Bestes tun. Aber angesichts der Indizien wird es nicht leicht, eine Freilassung auf Kaution zu erwirken.“ – „Es sollte nicht schwierig sein. Schließlich bin ich unschuldig“, meinte Sharona mit einem Schulterzucken. „Davon bin ich überzeugt. Aber lassen Sie uns die Fakten durchgehen.“

Naomi zog einen Ordner aus ihrem Koffer und blätterte darin. „Also, Daniel Westbridge wurde am Morgen des 6.Mai in einem Zimmer des Palace Hotels tot aufgefunden, Todesursache Strangulation, offenbar mit einem rosafarbenen Seidenschal, dessen Fasern sich am Hals des Toten befanden. Der Todeszeitpunkt lag laut Autopsie zwischen ein und zwei Uhr früh. Er war nackt, mit Handschellen an das Bett gefesselt und hatte in der Nacht zuvor mehrmals Geschlechtsverkehr. Zwei gebrauchte Kondome mit seinem Sperma wurden im Zimmer gefunden, mit DNA-Spuren zweier verschiedener Frauen. Eine davon konnte Ihnen zugeordnet werden. Sie wurden von der Überwachungskamera der Tiefgarage aufgenommen, die Sie um 1 Uhr 12 mit Ihrem Wagen verließen. Ist das so weit korrekt?“

Sharona hatte mit unbewegter Miene zugehört und nickte nun. „Ja. Das habe ich mit der Polizei doch schon x-mal durchgekaut. Wir haben uns regelmäßig zum Vögeln getroffen, auch an diesem Abend. Er war übrigens ein ziemlich guter Fick, schade um so einen emsigen Schwanz.“ Sharona grinste kurz, wurde aber schlagartig wieder ernst.

„Jedenfalls habe ich ihn nicht gefesselt oder stranguliert. Falls er auf SM-Spielchen stand, wußte ich nichts davon. Ich habe es mir von ihm besorgen lassen und habe ihn gegen eins putzmunter und immer noch mit einem gewaltigen Ständer verlassen. So wie ich ihn kannte, würde es mich nicht wundern, wenn er es mit noch einer Liebhaberin getrieben hätte. War ein ziemlicher Hengst, der gute Dan. Tolles Stehvermögen, und er hat keine Gelegenheit ausgelassen, seinen Schwanz in eine willige Möse zu stecken.“

Naomi war bei dieser Schilderung leicht errötet. „Hat es Sie gestört, daß er sexuelle Beziehungen zu anderen Frauen hatte?“ Sharona lachte auf. „Machen Sie Witze? Hören Sie, wir haben bloß ab und zu zum Spaß miteinander gevögelt. Er hat es mit massenweise anderen Frauen getrieben, ich mit anderen Männern. Und manchmal auch mit Frauen. Damit hatten wir beide kein Problem.“

„Das ist eine weitere Schwierigkeit. Wenn Ihre…Promiskuität vor einer Jury zur Sprache kommt, könnte das einen negativen Eindruck machen. Ich weiß, es hat nichts mit diesem Fall zu tun, und ich persönlich finde auch nichts Verwerfliches daran“, beeilte Naomi sich hinzuzufügen. „Trotzdem werde ich versuchen, Ihr sexuelles Vorleben nicht zur Sprache kommen zu lassen.“ – „Tun Sie, was Sie für richtig halten“, gab Sharona desinteressiert zurück. „In Ordnung. Ich werde also einige Recherchen anstellen und so schnell wie möglich einen Antrag auf Haftentlassung einbringen.“

„Nehmen Sie sich vor der bloß in acht, die ist ein manipulatives Biest“, flüsterte die Wärterin Naomi auf dem Weg nach draußen zu. „Ach, Lauren, Sie sollten nicht alles glauben, was die Zeitungen behaupten.“ – „Ich rede nicht von dem, was in den Zeitungen steht, sondern davon, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Ihre Zellengenossin hat sie völlig ihrem Willen unterworfen.“ – „Was ist denn passiert?“

„Sie sitzt mit einer jungen Latina, die wegen illegaler Prostitution eingebuchtet wurde. Armes Ding, hab schon Hunderte von der Sorte gesehen. Jedenfalls haben beim Ausgang im Hof ein paar andere Harding angemacht, wie das mit Promi-Häftlingen immer so ist. Die Kleine hat sich wie eine Furie auf sie gestürzt, konnte sie fast nicht auseinanderkriegen. Aber dafür hat sie auch ihre Belohnung gekriegt. Das Stöhnen, das die halbe Nacht aus der Zelle zu hören war, war nicht mißzudeuten. Und heute ist die Kleine ganz erschöpft und mit glasigem, glücklichem Blick beim Frühstück gesessen. Ihre Klientin weiß, wie man eine Frau verwöhnt, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Sie sind doch nicht eifersüchtig?“, lachte Naomi, die über Laurens lesbische Neigung Bescheid wußte, doch die Wärterin blieb ernst. „Wirklich nicht. Diese Harding ist zwar echt heiß, aber ich würde trotzdem meine Finger von ihr lassen.“

*

Naomi sah sich in der Wohnung ihrer Klientin um. Sie hätte angesichts des großzügigen Spesenrahmens – Sharona war eine wohlhabende Frau und gewillt, für ihre Verteidigung keine Kosten zu scheuen – auch einen Privatdetektiv engagieren können, hatte aber beschlossen, zunächst auf eigene Faust nach Informationen zu suchen. Natürlich hatte die Polizei bereits eine Durchsuchung durchgeführt, aber offenbar nichts von Bedeutung entdeckt. Nur ein Notizbuch mit Initialen und Daten war als Beweismittel registriert worden, Naomi hatte sich eine Kopie geben lassen.

Die Wohnung wirkte ordentlich, als wäre die Besitzerin nur kurz shoppen gegangen. Nachdem sie in den anderen Räumen nichts Auffälliges gefunden hatte, riß Naomi die Schränke im Schlafzimmer auf und inspizierte den Inhalt. Elegante Abendkleider, dazu deutlich aufreizendere Outfits und Spitzenunterwäsche, eine Schublade mit Sexspielzeugen wie Vibratoren und Dildos.

Im letzten Schrank befanden sich ein TV-Gerät mit Videorecorder, eine Videokamera und eine Reihe von säuberlich beschrifteten Kassetten. Die Buchstaben und Zahlen auf den Etiketten glichen denen im Notizbuch. Naomi nahm eine Kassette mit der Aufschrift „JK, 04/30“ heraus, legte sie in den Rekorder und drückte auf „Play“.

Auf dem Bildschirm erschienen Sharona und ein der Anwältin unbekannter Mann, beide in Unterwäsche. Sie zogen einander aus und liebkosten ihre Körper. Sharona kniete sich hin und nahm den Penis des Mannes in ihren Mund. Nach einem kurzen Vorspiel stieß sie ihn aufs Bett, setzte sich auf ihn und begann ihn zu reiten.

Naomi hatte ein schlechtes Gewissen dabei, so in das Intimleben ihrer Klientin einzudringen, aber sie konnte ihren Blick nicht von der Szene abwenden. Rasch reduzierte sie die Lautstärke, als Sharonas Stöhnen anschwoll. Es war ein kehliger, lustvoller Laut. Sharonas feste, üppige Brüste sprangen auf und ab, während sie sich mit tiefen Stößen Befriedigung holte und schließlich mit einem Aufschrei zum Höhepunkt kam.

Ich wünschte, ich könnte solche Orgasmen haben, schoß es Naomi unwillkürlich durch den Kopf, doch sofort schämte sie sich dafür. Schließlich hatte sie hier eine berufliche Aufgabe zu erfüllen. Dennoch konnte sie ihre Erregung nicht verleugnen. Am liebsten hätte sie gleich masturbiert, doch sie zwang sich, den Schrank wieder zu verschließen und wandte sich den kopierten Seiten aus dem Notizbuch zu.

Offenbar handelte es sich um Sharonas Treffen mit ihren Liebhabern. Der letzte Eintrag, „DW, 05/06“, bedurfte wohl keiner weiteren Erklärung. Die Zeile darüber lautete „MS, 05/04“. Auf der letzten Seite waren zu den Initialen passende Telefonnummern angegeben. Naomi griff nach dem Telefon auf dem Nachtkästchen und wählte die unter MS aufgelistete Nummer. Bestimmt hatte die Polizei schon Kontakt mit Sharonas anderen Liebhabern aufgenommen, aber vielleicht konnte ihnen Naomi trotzdem nützliche Informationen entlocken.

„Ja?“, meldete sich eine männliche Stimme unwirsch. „Guten Tag, mein Name ist Naomi Feldman. Ich bin Anwältin und vertrete Sharona Har…“, doch der Mann hatte bereits aufgelegt. Seufzend nahm sich Naomi den nächsten Eintrag vor. JK, offenbar Sharonas Gespiele in dem Video, das sie gerade betrachtet hatte. „John Keating?“, meldete er sich sofort.

„Ja, hab gehört, daß die gute Sharona in der Scheiße steckt“, sagte er, nachdem Naomi sich vorgestellt hatte. „Sowas mußte ja mal passieren.“ – „Wie meinen Sie das?“, fragte Naomi alarmiert. „War nur so dahingesagt. Ich hatte einfach immer ein ungutes Gefühl dabei, wie sie in der Gegend rumvögelt. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht wirklich weiterhelfen. Aber vielleicht können wir uns ja treffen? Sie klingen sehr charmant. Wie ich Sharona kenne, hat sie sich sicher eine sexy Anwältin genommen.“

Naomi dachte einen Moment nach. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken daran, einen Mann zu treffen, den sie gerade in einem Sexvideo gesehen hatte. Aber sie konnte keine Chance auslassen, an wertvolle Informationen zu kommen. „Also gut. Heute um acht?“

*

„Ich habe doch schon alles der Polizei erzählt“, murmelte Joan Trevalli mit gesenktem Blick. „Ich weiß. Aber es ist wirklich wichtig, daß Sie es noch einmal wiederholen“, sagte Naomi in beruhigendem Tonfall. „Wir wollen doch kein Detail übersehen. Schließlich geht es um einen Mordfall.“ – „Ja, Sie haben recht.“

Die Zeugin hatte darauf bestanden, sich mit Naomi auf einer Parkbank zu treffen und äußerste Diskretion verlangt. Kein Wunder, schließlich war sie verheiratet und mit einem Liebhaber in dem Hotel gewesen. Angesichts ihres Anblicks erstaunte Naomi das. Trevalli war eine unscheinbare, leicht übergewichtige Frau Mitte Vierzig mit unreiner Haut und stumpfem kastanienbraunem Haar.

„Bitte, schildern Sie mir ganz genau alles, was Sie gesehen haben“, ermutigte Naomi sie. „Also gut. Ich bin um zehn mit meinem…Freund auf das Zimmer gegangen, und wir haben…Naja, kurz nach eins bin ich allein runter in die Bar auf einen Drink, und als ich aus der Türe komme, sehe ich diese Frau aus dem Nachbarzimmer stürmen, Miss Harding. Sie wirkte ziemlich aufgeregt und hatte es sehr eilig.“

„Sie konnten sie zweifelsfrei identifizieren?“ – „Ja. Ja, ich bin sicher, sie war es.“ – „Und konnten Sie irgendwelche Geräusche aus dem Nebenzimmer hören?“ – „Nein, aber die Wände sind dort recht dick, und wir waren die ganze Zeit…miteinander beschäftigt und wohl selbst nicht gerade leise.“ – „In Ordnung. Bitte fahren Sie fort.“ – „Das ist schon alles. Mehr weiß ich wirklich nicht.“

Doch Naomi spürte, daß Trevalli ihr etwas verheimlichte. „Mrs. Trevalli, falls es noch irgendetwas gibt, das Sie mir sagen können, bitte tun Sie es jetzt. Sie wollen doch nicht, daß eine Unschuldige lebenslang ins Gefängnis kommt?“ – „Nein! Natürlich nicht. Aber…“ Joan Trevalli war den Tränen nahe, sie schien mit sich selbst zu kämpfen. „Können Sie mir garantieren, daß ich nicht vor Gericht aussagen muß? Bitte, wenn mein Mann von meiner Affäre erfährt, bin ich am Ende.“ Sie vergrub das Gesicht in den Händen.

„Das kann ich Ihnen nicht mit Sicherheit versprechen. Aber wenn es etwas ist, das Miss Harding entlastet, wird es vermutlich gar nicht zu einer Verhandlung kommen.“ – „Also gut.“ Die Zeugin atmete tief durch. „Als ich von der Bar zurückgekommen bin, habe ich eine andere Frau auf dem Gang gesehen. Ich kann nicht beschwören, daß sie aus demselben Zimmer gekommen ist wie Mrs.Harding, aber ich bin mir fast sicher.“

„Wann war das?“, wandte Naomi erregt ein. „So um Viertel vor zwei.“ – „Und können Sie diese Frau beschreiben?“ – „Ja, ich denke schon. Sie war ziemlich groß, vielleicht 1,75, und schlank. Um die dreißig, hellbraunes gewelltes Haar, schulterlang, graue Augen, und sie trug ein graues Minikleid.“

„Ich danke Ihnen“, rief Naomi, die sich gerade noch davon abhalten konnte, die Zeugin zu umarmen. „Werden Sie das bei der Polizei wiederholen?“ – „Ja“, antwortete Trevalli, die zusammengesunken dasaß, tonlos. Sofort rief Naomi den ermittelnden Beamten, Detective Svensson, an und geleitete die Zeugin aufs Revier.

*

Beinahe hätte Naomi ihr Treffen am Abend vergessen. Kurz erwog sie abzusagen – schließlich sollte der Fall mit Trevallis Aussage abgeschlossen sein -, aber sie entschied sich dagegen. Vielleicht konnte sie ja noch etwas Nützliches erfahren. Nachdem sie sich zum Duschen ausgezogen hatte, betrachtete sie ihren nackten Körper im Spiegel.

Eigentlich war sie eine attraktive Frau. Sie war zweiunddreißig, sorgfältig gepflegt, und sie hielt sich regelmäßig im Fitnesstudio in Form. Ihr langes dunkles Haar war seidig und harmonierte mit ihren braunen Augen. Sie hatte schlanke Hüften und feste, wenn auch für ihren Geschmack etwas zu kleine Brüste, über die sie nun prüfend strich.

Dennoch hatte sie viel zu lange keinen Sex, geschweige denn eine feste Beziehung, gehabt. Daß selbst eine Frau wie Joan Trevalli einen Ehemann und einen Liebhaber hatte, weckte in Naomi ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Gar nicht zu reden von Sharonas mehr als aktivem Sexleben.

Fast unbewußt wanderten Naomis Hände zwischen ihre Beine. Sie schob sich zwei Finger in die Vagina und rieb mit der anderen Hand an ihrer Klitoris. Dabei tauchten vor ihrem geistigen Auge Bilder von Joan auf, wie sie im Hotelzimmer wilden Sex mit ihrem Liebhaber hatte, dann von Sharona, die einen Mann ritt, ihm dann plötzlich einen rosa Schal um den Hals legte und zudrückte. Ein heftiger Orgasmus durchfuhr Naomis Körper.

Mein Gott, ich bin völlig überspannt, dachte sie, nachdem sie sich einigermaßen gefangen hatte. Dieser Fall nahm sie wirklich zu sehr mit. Außerdem brauchte sie dringend Sex. Aber erst wollte sie den Termin hinter sich bringen.

John Keating erwies sich als attraktiver, gutgekleideter und charmanter Mann. Brauchbare Informationen hatte er für Naomi tatsächlich nicht, dennoch ertappte sie sich dabei, daß sie das Treffen genoß. „Und Sie wußten, daß sich Sharona auch mit anderen Männern traf?“, fragte sie. „Natürlich. Daraus hat sie nicht gerade ein Geheimnis gemacht. War mir auch egal, solang ich’s von ihr bekam. Wissen Sie, Sharona ist ein ziemlich guter Fick.“ Dabei grinste er.

„Kannten Sie irgendwelche ihrer anderen Liebhaber?“ – „Nein. Wir hatten nie einen Dreier, falls Sie das meinen.“ – „Und wie steht’s mit anderen Frauen?“ Naomi wiederholte die Beschreibung, die sie von Trevalli erhalten hatte. „Sagt Ihnen das etwas? Könnte es eine Freundin von Sharona sein?“ – „Keine Ahnung. Wir haben uns nur zum Vögeln getroffen, ihren Freundeskreis kannte ich nicht.“

„Ich möchte nicht neugierig erscheinen, aber hatte Sharona eine Vorliebe für irgendwelche…außergewöhnlichen Sexualpraktiken?“ – „Sie meinen, ob sie auf Sado-Maso stand?“ Naomi antwortete nicht. „Sie haben mich doch vorhin aus Sharonas Wohnung angerufen, oder?“, fuhr Keating fort. „Ja.“ – „Lassen Sie uns dorthingehen, ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen.“ – „Also gut.“

Im Schlafzimmer öffnete er den Schrank mit den Videos. „Die haben Sie bestimmt entdeckt?“ – „Ja.“ – „Haben Sie sich welche davon angesehen?“ – „Eine“, gab Naomi widerstrebend zu. „Womöglich eine mit mir? Ich fand sie ziemlich gelungen“, lachte Keating. Naomi sagte nichts, aber sie errötete etwas. „Wußte ich es doch. Dann kennen Sie ja meine Qualitäten.“

„Hören Sie, warum wollten Sie mit mir herkommen?“ – „Ich dachte, Sie wollen sich vielleicht besser in das Leben ihrer Klientin versetzen können.“ Damit zog er sie an sich, küßte sie und griff nach ihren Brüsten. Er war überraschend zärtlich, seine Hände wanderten über Naomis Körper und zogen sie langsam aus. Sie wußte, daß es falsch war, aber es fühlte sich einfach zu gut an.

Ohne nachzudenken kniete sie sich vor ihn, zog ihm die Hose herunter und nahm seinen Penis in den Mund. Ihre Freunde hatten ihr immer gesagt, daß sie eine gute Bläserin wäre, und Keating schien diese Ansicht zu teilen. Er wurde schnell hart, sein Atem ging schneller. Schließlich zog er Naomi hoch und legte sich aufs Bett.

Wortlos streifte sie ihm eines der Kondome aus dem Nachtkästchen über, führte sich sein Glied ein und ritt ihn. Naomi stellte sich vor, Sharona zu sein, stellte sich vor, wie sie in diesem Augenblick von einer Videokamera gefilmt würde. Dieser Gedanke steigerte ihre Erregung bis zur Ekstase. Sie rammte seinen Penis tief in sich, bis sie kam. Auch er hatte inzwischen ejakuliert, ohne daß Naomi es überhaupt bemerkt hatte.

„Nicht übel“, keuchte er mit einem Grinsen. „Du bist noch nicht ganz so verdorben wie Sharona, aber wenn sie dir noch ein paar Sachen beibringt, kannst du hinkommen.“

*

Am nächsten Morgen wurde Naomi vom Klingeln des Telefons geweckt. Schlaftrunken nahm sie ab. „Feldman? Hier ist Detective Svensson. Ich hoffe, ich reiße Sie nicht aus Ihren süßen Träumen, aber wir haben Ihre mysteriöse zweite Frau gefunden.“ – „Wer? Wo?“ Mit einem Schlag war Naomi hellwach.

„Ihr Name ist Louise Watson, wir vernehmen sie gerade in ihrer Wohnung.“ Er nannte eine Adresse in Brooklyn. So schnell sie konnte raste Naomi hin. Auf ihr Klingeln öffnete Svensson. „Feldman, was wollen Sie hier? Wir stecken mitten in einer polizeilichen Vernehmung.“

Wie immer wirkte er unfrisiert und schlecht gelaunt, dennoch fand Naomi ihn attraktiv. Schon öfters hatte sie überlegt, ihn zu einem Date einzuladen, es aber dann doch nie gewagt. Schließlich standen sie als Strafverteidigerin und Polizist quasi auf entgegengesetzten Seiten. „Ich möchte nur wissen, was die Zeugin ausgesagt hat.“ – „Also, kommen Sie halt rein. Aber Sie halten sich im Hintergrund und fassen nichts an, verstanden?“ – „Klar.“ Naomi schlüpfte neben ihm durch die Türe.

„Chef, sehen Sie, was wir gefunden haben!“ Ein Polizeibeamter hielt Svensson in Plastikhandschuhen einen rosafarbenen Schal entgegen. „Na, wenn das nicht die Tatwaffe ist.“ Naomis Herz hüpfte. „Das heißt doch, daß Miss Harding unschuldig ist!“, rief sie aus. „Abwarten“, knurrte Svensson.

„Wo ist die Zeugin überhaupt?“, fragte Naomi und sah sich verwirrt um. „Vor ein paar Minuten aufs Klo gegangen. Jemand sollte nachsehen, wo sie bleibt. Verdammt, warum haben wir gerade heute keinen weiblichen Officer da? Feldman, wenn Sie schon hier sind, können Sie sich wenigstens nützlich machen.“ – „Gerne.“

Naomi folgte seiner Wegbeschreibung zum Badezimmer und klopfte an die Türe. „Miss Watson? Ist alles in Ordnung?“ Als nach einigen Sekunden keine Antwort kam, öffnete Naomi die Türe. Louise Watson stand nackt vor dem Spiegel, ihre Kleider lagen säuberlich zusammengefaltet auf der Toilette. In ihrer Hand hielt sie einen Revolver, dessen Lauf sie sich in den Mund gesteckt hatte. „Nein!“, schrie Naomi und wollte auf die Frau zustürzen, doch der Knall warf sie zurück.

Immer noch zitternd saß Naomi im Wohnzimmer und umfaßte mit beiden Händen die Tasse dampfend heißen Kaffees, die ihr Svensson hingestellt hatte. „Ich hätte Sie da nie reinschicken dürfen“, sagte er kopfschüttelnd und legte ihr mitfühlend eine Hand auf die Schulter, eine Geste, die Naomi von ihm als merkwürdig intim empfand.

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