Meo fado (9)

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„Du siehst grauenhaft aus.“
Ben blickte starr auf den Bericht, der vor ihm auf seinem Schreibtisch lag.
„Wenn schon. Fühl mich alles andere als grauenhaft.“
Fiona schob sich weiter in sein Blickfeld.
„Ah. Der Herr ist genervt.“
Sie stand jetzt genau zwischen seinem Schreibtisch und der Fensterfront. Ben ärgerte sich, dass ihm die Silhouette ihres Körpers nicht entging, die sich im Gegenlicht deutlich unter dem weißen Oberteil abzeichnete. Er warf den Textmarker auf den Papierstapel, lehnte sich zurück und blickte dann zu ihr auf.
„Sag, was Du willst und dann lass mich weiterarbeiten. Okay?“
„Du gehst mir aus dem Weg.“
„Stimmt.“
Fiona schien mit seiner Antwort nicht gerechnet zu haben. Sie stand da und starrt ihn mit offenem Mund an.
„Schau nicht so. Warum sollte ich Dir irgendwas anderes erzählen?“
„Willst Du mir das die ganze Zeit nachtragen?“
„Ich bin einfach nicht scharf auf diesen ‚Heiß-Kalt-Lauwarm-Scheiß‘.“
„Weil ich mich nicht von Dir ficken lasse … wie all die anderen?“
In ihrem Blick lag etwas, das Ben davon abhielt, ihr eine passende Antwort zu geben. Er hörte Schritte auf dem Gang vorübergehen, spürte seinen Puls in der Kehle. Aber er antwortete nicht sondern starrte zu Fiona hinüber.
Wochen waren seit der Szene auf dem Weg zum Hotel vergangen. Er wusste selbst, dass seine nächtlichen Touren durch die Bars der Stadt ihre Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen hatten. Und selbst Diana und ihre bernsteinfarbenen Augen hatten nichts an dem leeren Gefühl geändert, dass ihn während der Arbeit oder an den Abenden im Hotelzimmer überfiel, in die Bars trieb und einfach nicht zu ertränken war. Es endete immer mit einem schweren Kopf auf fremden Kissen. Eine Weile lang waren es Dianas Kissen. Aber nach einer Weile mied er dann das Elefante und die Treffen mit Diana wurden seltener.
Dabei sehnte er sich nach ihrem Körper, ihrer Wärme und der Art, wie sie ihn anlächelte, bevor sie ihre Arme um seinen Hals warf, bevor sie ihn wild küsste. Ben hatte irgendwann ihre Schwäche für weiße Rosen entdeckt und ihre kindliche Freude an dem Duft bezauberte ihn jedes Mal aufs Neue. Genau wie ihr laszive sinnlicher Körper, die Art, wie sie für ihn tanzte, sich langsam dabei auszog und es genoss, wie seine Blicke ihren Körper umschmeichelte. Bis sie sich einfach auf ihn fallen ließ, in seine Unterlippe verbiss und gleichzeitig versuchte, seine Hose aufzufummeln. Manchmal hielt sie sich nicht mal damit auf. Sie glitt einfach auf ihn, presste ihren Schoß auf seine Erektion und rieb sich – und ihn – durch den Stoff bis zum Orgasmus.
Was ihn von ihr wegtrieb, war diese andere Seite an ihr, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Irgendwann war er neben ihr aufgewacht. Sie hatte ihre Knie umschlungen, lag mit offenen Augen da und nach einer Weile merkte Ben, dass sie tonlos weinte. Sie schlug seine Hand zurück, als er ihre Wange berührten wollte. So hatte er lange neben ihr gelegen, ihrem Weinen zugesehen und sich dabei immer hilfloser gefühlt. Irgendwann schlief sie dann ein und er hatte sie zugedeckt, seine Sachen aufgerafft und sich aus ihrem kleinen Appartement geschlichen.
Erst Tage später hatte sie ihn angerufen und gefragt, ob er sie vom Elefante abholen würde. Es endete in einem Besäufnis an der Bar, bei dem Ben verblüfft feststellte, wie viel Vodka Diana kippen konnte. Dabei erzählte sie traurig schöne Geschichten über ihre Zuhause, zeigte ein Foto von ihrer „Bella“, einem Kalb von Hund, und zog immer wieder Ben näher an sich, um an seiner Halsbeuge zu schnuppern. Nie hatte Ben eine Frau vorher kennen gelernt, die einen derartigen Fetisch für Männer-Parfüme hatte. Oder so scharf auf wilde Küsse in der Öffentlichkeit war, die es ihm fast unmöglich machten, aufzustehen, ohne dabei mit der deutlichen Beule in seiner Hose für Aufsehen zu sorgen.
Auf dem Weg zu ihr drängte sie ihn dann in einen dunklen Hauseingang, nestelte seine Hose auf und verschlang förmlich seinen Schwanz wie eine Verhungernde, bevor sie ihn drängte, sie von hinten zu nehmen. Ben sah noch ihren runden Arsch, den dünnen Streifen Stoff ihres Strings beiseitegeschoben. Und wie sie ihre Hände gegen die Tür presste, während er immer wilder sein Glied bis zum Schaft in sie hineinhämmerte, berauscht von ihrem Stöhnen und der Art, wie sich ihr Po gegen ihn presste und sich der Druck bis zu seiner Prostata fortsetzte. Jeder Stoß verstärkte dieses tiefe Gefühl der Schwere in ihm, schien sich zu sammeln. Um dann zu explodieren, unkontrolliert, mit weichen Knien und flatternden Beinmuskeln, während Diana ihre Vaginalmuskel anspannte, als wolle sie alles aus ihn herausquetschen. Erst die wütenden Stimmen aus den Fenstern über ihnen ließ Ben wahrnehmen, dass eine ihrer Hände auf die Klingelknöpfe gerutscht war. Sie rannten in die Nacht, lachend, bevor die angedrohte Polizei eintraf.
Später hatte sie dann wieder so dagelegen, zusammengerollt, weinend. Weit weg. Ben fühlte in sich eine Übelkeit aufsteigen, als er sie so sah, verstört über das plötzlich fremde Gesicht Dianas und ihrer abwehrenden Geste, als er sie in seine Arme nehmen wollte.
Ben schüttelte den Kopf, wie um die Bilder zu vertreiben, die vor seinem inneren Auge auftauchten. Dann schaute er Fiona an und sagte:
„Was weißt Du schon.“
„Du bist nicht gerade diskret, was Deine Affairen anbelangt.“
„Na und? Ich zwinge niemanden mit mir ins Bett zu steigen. Und wen ich vögel, kann Dir doch egal sein.“
Sie zögerte, lehnte sich gegen das Fenster und sagte dann leise: „Ist es eben nicht.“
Ben kniff seine Augen zusammen und fixierte sie scharf, harte Linien um den Mund.
„Das kannst Du Dir sparen, Fiona. Das hatten wir schon.“ Seine Stimme klang heiser, als er das hervorstieß. Seine Hand griff unwillkürlich an seinen Hemdkragen und lockerte die plötzlich enge Krawatte.
Ihre Augen folgten seiner Hand und sie sagte dann noch einmal, lauter: „Ist es eben nicht.“
„Verdammt, Fiona!“ Ben stieß sich von dem Stuhl hoch, stützte sich mit beiden Händen auf die Schreibtischplatte und beugte sich zu Fiona, die angewurzelt am Fenster stehen blieb.
„Was willst Du eigentlich? Meinst Du, es macht mir Spaß, mich von Dir vorführen zu lassen?“
„Ich hätte erwartet, dass Du das verstehst. Ich konnte einfach nicht…“
„Ah. Prächtig! ‚Konnte…‘ Sind wir jetzt schon in der Vergangenheitsform angekommen? Neues Kapitel? Oder brauchst Du nur jemanden, der Deine Einkäufe schleppt?“
„Gott, bist Du pathetisch!“
„Ich hätte einiges aufzuholen, um mit Dir gleichzuziehen.“
„Ben…“
Der Klingelton seines Smartphones schnitt Fionas begonnenen Satz ab. Ben griff es vom Tisch. Thomas melde sich mit irgendeiner Info.
„Nicht jetzt….. Ich will es nicht höre! Ruf später an.“
Dann warf er das Handy auf den Schreibtisch und starrte es wütend an.
„Wenn Du Thomas für ein Gespräch abwürgst, dass Du eigentlich nicht führen willst… Scheint es Dich ja dann doch … zu interessieren.“
„Wieso… Ach verdammt!“
Ben ließ sich auf den Sessel zurückfallen, stützte seine Ellbogen auf den Tisch und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
„Du raubst mir den Verstand, Fiona. Ich komme damit einfach nicht klar.“ Er stöhnte frustriert, blickte kurz auf und ließ dann seinen Kopf erneut in seine Handflächen sinken. „Und vor allem komme ich damit nicht klar, wenn Du mich so angrinst.“
Er hörte, wie sie langsam um seinen Tisch herumkam, spürte, wie sie sich neben ihm an die Tischkante lehnte. Dann strich eine Hand leicht über sein Haar.
„Es tut mir leid, Ben. Ich wollte Dich nicht verletzten.“
Unter ihrer Berührung schnürte sich seine Kehle zu. Unwillkürlich sah er das Bild Dianas vor sich, wie sie seine Hand zurückwies, Riccardas hasserfülltes Gesicht bei ihrem letzten Treffen, Miriam, wie sie ihn zärtlich, aber ohne jedes Bedauern, beim Abschied küsste… Fionas tränenüberströmtes Gesicht…
„Ich kapier‘s einfach nicht!“
„Was?“
„Don’t fuck your office!“
Fionas Hand zuckte zurück. Er hörte, wie sie mehrmals ansetzte zu antworten. Dann, nach einer Pause, schaute er sie an, gerade, als sie ihren Mund öffnete, um ihm zu antworten.
„Du lässt niemanden an Dich heran, Ben. Ich will nicht eine weitere Randnotiz in Deinem Leben sein.“
Sie wand sich zur Tür, legte ihre Hand auf den Türgriff, drehte dann aber noch einmal ihr Gesicht zu ihm.
„Dafür mag ich Dich einfach zu sehr. Selbst wenn Du kein Traummann bist und erst recht kein Engel, Dich mit anderen Frauen rumtreibst und selbst jetzt noch nach dem Fusel riechst, den zu Dir reinkippst. … Und so tust, als könnte Dich die ganze Welt am Arsch lecken. … Ich kann sehen, dass es Dich auffrisst. Und Du kannst mir glauben oder nicht: Ich wünschte, ich könnte der eine Mensch in Deinem Leben sein, der das ändern könnte.“ Sie sah ihn dabei gefasst an.
„Und gleichzeitig habe ich Angst, es würde mich auffressen, Ben. Und dann die Zeit hier zur Hölle werden lassen.“
Dann öffnete sie die Tür, schritt hindurch und schloss sie hinter sich. Ben starrte noch lange auf das trist-weiße Türblatt. Er wusste nur zu gut, was Fiona gemeint hatte. Und einmal mehr hasste er sich dafür.

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