Die Burg Teil 7 von 9

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Teil 7

„Brid, der Schwarm aller Männer des Dorfes. Sie war ein wirklich aufgewecktes Mädel, dass genau wusste, was es wollte. Sie soll es mit vielen getrieben haben und selbst der Herr der Burg, war von ihr sehr angetan. Sie soll öfter bei ihm gewesen sein. Sie hat ihn wohl geliebt.

Kurz bevor die Burg angegriffen wurde, ist sie in den Wald gegangen und wollte Pilze sammeln. Als sie zurückkam, konnte sie nicht mehr zu ihm, denn die Belagerung hatte einen dichten Ring um die Burg gezogen.

Sie hat darum gebettelt noch einmal in die Burg zu dürfen, aber man hat sie nicht gelassen, stattdessen hat man sie ebenfalls verdächtigt, dem Satanskult zu dienen. Sie beteuerte zwar immer wieder, dass sie nichts damit zu tun habe, aber man hat ihr nicht geglaubt. Bis zu ihrem bitteren Ende hat sie noch an ihre Liebe gedacht.

Sie wurde vor die Burg geschleift und vor den Augen der Verteidiger geköpft, damit diese die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkennen sollten.

Als das Schwert zuschlug, hörte man aus der Burg ein lautes, klagendes Brüllen. Einige der Belagerer haben dazu später gesagt, dass es vom Burgherrn gekommen sein soll.

Zum Schluss hat man ihren Kopf über die Burgmauer geschleudert.“

Das Feuer im Kamin war inzwischen wieder bis auf die Glut herunter gebrannt. Ich stand auf und holte weitere Scheite um diese nachzulegen. Wieder bewunderte ich den aufsteigenden Funkenflug und dachte über das Gesagte nach. Dann setzte ich mich in Gedanken wieder hin und schenkte mir eine weiteres Glas Wein ein.

Beide sahen wir in das wieder entfachte Feuer, welches sich langsam über die Scheite leckte und neue Nahrung durch das Holz fand.

Es lag eine seltsame Stille über uns beiden und keiner wollte anscheinend etwas sagen. Wir hingen beide unseren Gedanken nach, obwohl da noch ein paar Punkte offen waren.

Ich konnte die Stille einfach nicht mehr ertragen und mir noch zwei Gedanken in den Kopf, die ich geklärt haben wollte.

„Können sie mir einmal erklären, was es mit dem Bild in der Gastwirtschaft und dem Standbild auf dem Markt zu tun hat?“

Die Gräfin erwachte anscheinend auch aus einer Art Schlaf, denn ein kleiner Ruck ging durch ihren Körper, als sie die Frage hörte.

„Ja, das Bild. Es ist ein Überbleibsel aus der von Maiden Burg. Es wurde von dem Burgherrn in der Richtung verhext, dass es immer anzeigt, was bei uns gerade los ist. Er hatte wohl gedacht, dass er uns damit unter Kontrolle hatte und vorgewarnt wurde, wenn wir etwas gegen ihn im Sc***de führten. Der damalige Wirt hatte es nach dem Sturm mitgenommen, bevor die Burg geschliffen wurde. Seitdem hängt es im Gastraum und keiner mag es mehr anfassen. Alle glauben, dass es ebenfalls verflucht ist, und wollen damit nichts zu tun haben.

Die Figur auf dem Marktplatz ist ein Mysterium und wir wissen nicht, wer sie gemacht hat. Sie tauchte etwa fünf Wochen nach dem Fall der Burg auf und wurde in den Brunnen gestellt. Von wem oder warum wusste keiner so genau. Nur ließ sie sich nicht mehr entfernen. Wir haben es viele Male versucht. Sie zeigt eine kleine Abbildung des Teufels von der Burg und macht sich mit der langen Nase über uns lustig. Seine andere Hand bedeckt sein Glied. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass unsere Familie durch den Fluch nicht mehr zeugungsfähig ist und somit zum Aussterben verurteilt ist. Wahrscheinlich ist sie aus einem Teil des Metalls gemacht, die beim Bau der großen Figur auf der Burg benutzt wurde.“

Ich nickte nur einmal, sah aber dabei in das Feuer. Vieles hatte sich endlich aufgeklärt und ich fühlte mich ein wenig erleichtert. Immerhin hatten sich mehrere viele Fragen geklärt, die mir auf der Zunge gebrannt hatten, wenn auch nicht alle.

Die Gräfin sah mich auf einmal an und meinte dann: „Bitte lasst mich jetzt alleine, ich würde euch aber gerne heute noch einmal sehen. Könntet ihr noch einmal hier erscheinen, sobald es dunkel geworden ist?“

Ich wusste nicht, warum ich es ablehnen sollte. Also nickte ich, stand auf und ging aus dem Raum.

Im Flur angekommen, ging ich an den Bildern vorbei und blieb vor dem Letzten stehen. Bess hatte wirklich keine große Ähnlichkeit mit Genefe. Das war unübersehbar.

Noch einen Moment stand ich vor dem Bild und betrachtete es, dann ging ich in die Werkstatt und räumte ein wenig auf. Auf dem Weg dahin sah ich noch einmal zum Bergfried hoch. Es brannte Licht im obersten Fenster.

„Dorlein!“, dachte ich nur und ging weiter. Ich konnte im Moment nichts für sie tun können und das machte mich ein wenig traurig.

Es wurde nur langsam dunkel und in mir stieg die Spannung über das, was mir noch bevorstehen könnte. Immerhin war das Kapitel unserer beiden eng miteinander verwobenen Familien, noch nicht zu Ende geschrieben.

Endlich war es dunkel, obwohl es mir nicht so vorkam. Es war Vollmond und das hier draußen sehr hell wirkende silbrige Licht legte sich auf das Land. Die Sterne funkelten über das ganze Firmament und ich sah fasziniert in den Himmel. Mehrere Sternbilder waren zu erkennen, die man in der Stadt nur undeutlich erkennen konnte. So ging ich langsam über den Platz und sah wieder einmal den Burgfried herauf. Oben stand, wie schon einmal zuvor eine Gestalt deren lange Haare nach hinten weggeweht wurden. Da es hier unten aber vollkommen windstill war, sah es etwas seltsam aus.

Es war sicher Dorlein, obwohl man bei diesem Licht kaum die Farbe des Kleides erkennen konnte. Es wirkte eher dunkel als blutrot. Von hieraus konnte man allerdings wesentlich mehr erkennen als vom Friedhof aus. Ihr Gesicht stach vollkommen bleich hervor und ich konnte tatsächlich erkennen, dass sie mich ansah. Ging ich weiter, drehte sich ihr Kopf in mit mir in die Richtung, in die ich mich wandte.

Dann lief ich sogar einmal im Kreis, trotzdem folgte mir ihr Blick. Dabei fraget ich mich, ob sie wusste, wer ich war. Vielleicht spürte sie ja, dass ich ein Enkel von ihr war, wenn auch mit sehr vielen Ur davor. Dann blieb ich stehen und konnte es mir einfach nicht verkneifen. Ich hob einen Arm und winkte ihr herauf, obwohl ich mir eigentlich sicher war, dass sie mir nicht antworten würde. Doch zu meiner Überraschung hob sie einen Arm, was aber sehr kraftlos wirkte. Dann lies sie diesen wieder sinken und starrte nur weiter zu mir herunter.

Kaum konnte ich mich von dem Anblick lösen. Widerwillig tat ich es dann aber doch, denn mein Termin war gekommen.

Also drehte ich mich weg und ging zum Haupthaus. Bevor ich durch die Tür schritt, drehte ich mich noch einmal um, aber Dorlein war verschwunden. Nichts deutete mehr darauf hin, dass sie eben noch dort gestanden hatte. Auch das Licht, was ich sonst gesehen hatte, war nicht mehr an.

Letztendlich ging ich dann durch die Tür ins Haus und stand wenige später wieder vor der Tür der Kemenate. Hier atmete ich noch einmal tief durch und ging dann einfach hinein. Ich glaubte nicht daran, dass ich noch klopfen brauchte, denn wer sollte schon um diese Zeit hier in der Burg zu ihr kommen.

Dieses Mal saß sie nicht im Sessel, sondern stand an einem der hohen Fenster. Die schweren Brokatvorhänge waren zur Seite geschlagen und sie sah hinaus. Das Fenster war zum Friedhof ausgerichtet, welcher etwas weiter oben, aber nicht zu sehen war.

Sie hatte mich sicher gehört, denn ich räusperte mich einmal. Da sie sich nicht äußerte, ging ich durch den Raum und stellte mich an ihre Seite.

Schweigend sahen wir auf die vom Mondlicht erleuchteten Bäume, ohne ein Wort zu wechseln.

„Ist es nicht schön?“, hörte ich die Gräfin auf einmal neben mir leise fragen. Dabei spürte ich auf einmal, wie sie meine Hand in die ihre nahm.

Ich schluckte einmal, hielt ihre Hand im Gegenzug ebenfalls fest.

Entgegen meiner Vermutung war ihre Hand warm und fühlte sich genauso an, wie ich es von einem Menschen erwartet hatte. Bei ihr war ich mir zuvor da nicht so sicher gewesen, immerhin war sie ein Wesen, was es nach wissenschaftlicher Meinung gar nicht gehen dürfte. Doch wenn man es genauer sah, war sie ja auch nicht tot, sondern nur sehr alt.

So standen wir weiter Hand in Hand vor dem Fenster uns sahen hinaus.

„Seid ihr euch eigentlich im, klaren darüber, dass ihr den Titel Graf tragen dürft? Immerhin seid ihr der einzige Nachfahre des Grafen von Maiden. Von daher steht euch der Titel zu.“

Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht und es kam mir schon etwas seltsam vor. Graf Jens von Maiden. Es klang schon etwas seltsam und ich war mir nicht sicher, ob ich diesen Titel überhaupt wollte. Was hatte ich davon, wenn ich ihn trug?

Während ich darüber nachdachte, sprach die Gräfin weiter.

„Wie lange habe ich auf euch warten müssen. Seit ewiger Zeit warte ich bereits und kann es immer noch nicht glaubten, dass ihr hier seid.“

Während sie diese Worte aussprach, drehte sie ihren Kopf in meine Richtung und ich tat es ihr gleich. Unsere blickte trafen sich und ich sah ihr in die schwarzen Augen, aus deren einem Winkel eine Träne rann und über ihre Wange entlang nach unten floss. In dem Moment, als diese Träne an ihrem Kinn angekommen war, hob ich einen Arm und fing legte an diese Stelle meinen Zeigefinger.

So lief er von ihr auf meinen Finger und benetzte diesen mit Feuchtigkeit.

Sie versuchte zu lächeln, aber es wurde von noch mehr Tränen begleitet. Es zuckte in ihrem Mundwinkel und ich konnte einfach nicht mehr anders.

Ich drehte mich zu ihr und zog sie an mich heran. Dann umarmte ich sie und hielt sie einfach nur fest, während sich ihre Arme ebenfalls fest um mich legten.

Minutenlang standen wir so da, sagten kein Wort, bewegten uns nicht. Meine Nase war kurz über ihren Haaren und ich sog ihren Geruch ein. Ein erregender Duft von Frau stieg mir angenehm in meine Nase und verstärkte sich noch, als ich diese weiter zwischen ihre Haare schob.

Ob sie es gemerkt hatte, wusste ich nicht. Sie entzog mir ihren Kopf, indem sie diesen so weit nach hinten legte, dass ich ihr wieder ins Gesicht sehen konnte. Ihre Augen waren von Tränen überschwemmt, trotzdem lächelte sie so, als wenn sie in diesem Moment glücklich wäre. Dieses zu sehen überschwemmt mich ebenfalls mit dem warmen Gefühl von Glück. Am liebsten hätte ich diesen Moment für die Ewigkeit konserviert.

Doch schon kam sie wieder auf mich zu und ich küsste sie sanft auf ihre Stirn, bevor sie sich wieder an mich drückte. Wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an mir fest und wollte mich nicht mehr loslassen, damit ich nicht mehr verschwand. Das hatte ich allerdings auch nicht vor.

Wenn ich es mir genau überlegte was sie eine bildschöne Frau, die ich zuvor in ihr allerdings nicht erkannt hatte, erkennen wollte. Immerhin war sie meine Auftraggeberin und ich hätte niemals, damit gerechnet ihr so nah zu kommen. Also hatte ich sie immer mit anderen Augen gesehen.

Jetzt musste ich sie geradezu anders wahrnehmen, da mir inzwischen vollkommen bewusst war, dass sich unser Schicksal miteinander verband. Wenn ich es mir genau überlegte, wollte ich das sogar. Was hatte ich schon zu verlieren?

Plötzlich ließ mich die Gräfin los, griff aber wieder nach meiner Hand und zog mich Richtung Tür. Sie sagte nichts dabei, leitete mich nur weiter.

Schon durchschritten wird den Eingang und standen wenige später vor der Doppeltür zum Rittersaal. Hier blieb sie erstmalig stehen und atmete tief durch. Dann öffnete sie diese und wir gingen quer durch den Saal und standen wenig später vor dem verhängten Spiegel. Hier griff sie mit einer Hand an den Stoff und sah mich dabei an. Dann sagte sie nur noch: „Ich muss euch etwas zeigen, aber erschreckt nicht!“

Mit diesen Worten zog sie an dem Tuch und es fiel leicht zu Boden.

Hatte ich zuerst geglaubt mich jetzt zu sehen, wie es in einem Spiegel üblich ist, wurde ich nicht enttäuscht. Ich stand mit der Gräfin Hand in Hand davor ohne das ich etwas besonderes entdecken konnte. Doch dann, als der Mond hinter einer Wolke hervorkam, hinter dem er einen Moment verschwunden war, fiel sein Licht auf die glänzende Oberfläche.

Sofort änderte sich das Bild und ich konnte es einfach nicht glauben. Weder die Gräfin noch ich waren mehr zu sehen, stattdessen der Saal so, wie er hinter mir war. Doch es war ein gewaltiger Unterschied dazu vorhanden.

Im Spiegelbild war der Kamin an und um den großen Tisch saßen und standen sehr viele Menschen in einer Bekleidung, die dem 14. ten Jahrhundert entsprachen. Sie unterhielten sich miteinander und es sah so aus, als wenn sie ein Fest feierten.

Über dem Kaminfeuer drehte sich ein ganzes Schwein, was nach einem Wildschwein aussah. Auf dem Tisch selber standen weitere Gerichte und waren auf silbrig glänzenden Tafeln angemacht. Ich konnte einen Fasan erkennen, den man nach dem Braten wieder die Schwanzfedern angesteckt hatte. Größere Stücke gebratenes Wild waren aufgetragen worden, welche man an ihrem dunklen Fleisch erkennen konnte. Dazwischen standen andere Schalen, teilweise mit Waldfrüchten wie Erd-, Blau- oder Preiselbeeren oder mit verschiedenen Gemüsesorten gefüllt. Hier und da lief die Bedienung herum, die zumeist aus Jungen bestanden, die unentwegt mit Kannen voller Wein darum bemüht waren, dass alle Gäste immer etwas zu trinken hatten.

Es war eine ausgelassene Gesellschaft, die sich dort getroffen hatte und feierte.

Ich wusste genau, dass sie nicht hinter mir sein konnten, trotzdem drehte ich mich einmal um, damit ich mir sicher sein konnte. Doch dort war niemand und ehrlich gesagt, hatte ich auch niemanden erwartet.

Sofort drehte ich mich wieder um, sah dabei aber die Gräfin an.

„Ja!“, sagte sie, „meine und ihre Familie, bevor alles passierte. Ich kann sie jedes Mal bei Vollmond sehen. Ich kann das Bild aber nicht ertragen. Seit über hundert Jahren habe ich es mir nicht mehr angeschaut. Es macht mich traurig. Es ist eine zusätzliche Strafe, die mir auferlegt wurde.“

Dann griff sie auf einmal neben den Spiegel und hielt einen Schürhaken in der Hand, den ich gar nicht bemerkt hatte. Sie holte damit aus und schlug auf den Spiegel ein, bevor ich sie davon abhalten konnte. Doch als der Haken die glatte Oberfläche traf, hinterließ er nicht einmal einen Kratzer. Auch beim nächsten Schlag war es nicht möglich, dem Glas etwas anzuhaben.

„Jetzt wisst ihr auch, warum ich ihn zugehängt habe. Ich kann ihn nicht zerstören!“

Bei diesen Worten ließ sie ihren Arm sinken, der Haken entwand sich ihrer Hand und fiel polternd auf den Boden. Dabei hatte man den Eindruck, als wenn nicht nur der Haken zu Boden fiel, sondern zugleich auch die ganze Spannung aus ihrem Körper wich. Ich umschloss sie ein weiteres Mal mit meinen Armen und hielt sie damit fest, sonst wäre sie wahrscheinlich zu Boden gesunken.

In diesem Moment kam sie mir so unendlich verletzlich vor, obwohl ich immer den gegenteiligen Eindruck von ihr gehabt hatte.

Dann verschwand der Mond wieder hinter einer Wolke und das zuvor gezeigte verschwand aus dem Spiegelbild. Nur wir beide waren wieder zu sehen, wie wir eng umschlungen davor standen und uns gegenseitig festhielten.

Ohne ein Wort hob ich die Gräfin hoch und hielt sie leicht auf meinen Armen, dann ging ich zur Treppe und stieg diese mit ihr hoch. Oben angekommen wusste ich zuerst nicht wohin, nahm aber gleich die erste Tür, hinter die ich zuvor noch niemals geschaut hatte. Es war wirklich Zufall, dass sich tatsächlich dahinter ein Schlafzimmer befand. Es war mit einem großen Himmelbett versehen und einem Spiegeltischchen, vor dem ein Stuhl stand. Sonst gab es keine Einrichtung.

Ich ging zum Bett und ließ die Gräfin aus meinen Armen darauf gleiten. Sie hatte ihre Augen geschossen und atmete ruhig, als wenn sie schlafen würde. Dann ging ich zum Spiegeltisch, zündete eine Kerze an, die dort stand, nahm den Stuhl und setzte mich mit diesem an das Bett. Daraufhin nahm ich ihre Hand in die meine und sah sie an.

Sie hatte immer noch ihre Augen geschlossen und lag lang ausgestreckt auf dem Bett. Nur langsam und flach hob und senkte sich ihr Brustkorb, wobei ich nicht sicher war, ob es an ihrer Bekleidung lag. Diese war schon recht eng geschnürt und war sicherlich hinderlich, wenn sie tief durchatmen wollte. Doch ich wagte es nicht die Schnüre zu lockern, die auf der Vorderseite alles zusammenhielten.

Stattdessen überwachte ich ihren Zustand und wartete darauf, dass sich etwas tat. Was konnte ich nicht sagen.

Plötzlich und unerwartet öffneten sich ihre Lippen und sie sagte. „Schlafen, wie gerne würde ich schlafen. Die Augen schließen und an nichts mehr denken müssen. Einfach nur den kleinen Tod sterben. Doch ich kann es leider nicht. Es ist mir nicht vergönnt Ruhe zu finden. Nur ihr könnt mich aus diesem Zustand erlösen!“

Ihr Kopf drehte sich in meine Richtung, ihr Augen öffneten sich und sahen mich unendlich traurig an.

Wieder konnte ich nicht anders. Ich beugte mich vor und küsste sie auf die Stirn. Doch sie griff mir mit der anderen, freien Hand an den Kopf und schon wenig später vereinten sich unsere Lippen.

Dieser erste Kuss war mehr als zärtlich, fast nur gehaucht. Doch es blieb nicht bei dem einen. Forscher geworden, folgte ein Zweiter, kaum das sich unserer Lippen nur einen kleinen Moment getrennt hatten. Sie öffnete ihren Mund und ich den meinen. Zuerst nur vorsichtig tastend fanden sich unsere Zungen und begannen sich gegenseitig zu erkunden. Wie zuvor der Geruch ihrer Haare, wanderte jetzt ein weiteres Aroma von ihr in mich. Ich schmeckte sie und war davon überwältigt. Noch nie hatte ich erlebt, dass mich der Geschmack und Geruch eines Menschen so aufgewühlt hatte.

Es war erregend und zündete ein Feuer, was in mir das Gefühl des Begehrens immer weiter anfachte. Diese Frau war, was ich wollte, vielleicht immer schon gesucht hatte und endlich gefunden hatte. Dies schoss mir innerhalb weniger Sekunden durch den Kopf. Wir waren füreinander bestimmt, davon war ich überzeugt. Unser Weg musste sich kreuzen, das war kein Zufall mehr, das war Schicksal.

Wir trennten uns voneinander und ich stand auf, dann legte ich mich neben sie und sah sie mit dem Kopf auf einen Arm aufgestützt von etwas weiter oben an. Das Kerzenlicht flackerte leicht und tauchte alles in ein unwirkliches Licht.

Die Gräfin lächelte mich an und ich zurück. Dann beugte ich mich herunter und unsere Lippen vereinten sich ein weiteres Mal, während unsere Hände leicht über die Bekleidung des anderen strichen. Meine fuhr dabei leicht über die geschnürte Taille und formte dabei ihre Figur nach. Der Stoff unter meinen Fingern fühlte sich unendlich glatt, fast wie Seide an.

Uns zu küssen und zugleich zu streicheln war für uns genug, mehr wollten wir nicht, waren zufrieden mit uns und der Welt. So wandelten wir stundenlang in einem Taumel, der von mir nur mit Liebe umschrieben werden kann. Anders konnte es gar nicht sein. Es traf mich unerwartet, war aber sogleich eines der schönsten Gefühle, die ich erleben durfte. Mir schlug das Herz bin in den Hals und ich hoffte diesen Moment, in die Unendlichkeit strecken zu können.

Später lagen wir nur noch nebeneinander auf der Seite. Dabei hatten wir jeweils einen unserer Arme unter unseren Köpfen angewinkelt gelegt und hielten uns mit den Händen der anderen Arme fest. Dabei sahen wir uns nur gegenseitig in die Augen. Irgendwann fielen mir diese dann aber doch zu und ich schlief einfach ein.

Als ich erwachte, war die Gräfin nicht mehr da. Wann sie gegangen war, konnte ich nicht sagen.

Da es schon hell wurde, stand ich ebenfalls auf und ging aus dem Schlafzimmer. Auf dem Flur ging ich zur Tür der Kemenate und öffnete sie.

Doch auch dort war sie nicht. Weiter ging ich durch das Gebäude, fand sie aber nirgends.

Was sollte ich also machen. Ich ging ins Dorf und kehrte wenig später im Gasthof ein, um ein gewohnt gutes Frühstück einzunehmen. Der Wirt war wie immer anwesend und putzte den Tresen. Was sonst. Ich war nicht ausgeschlafen, aber das Frühstück brachte meine Kräfte wieder in Einklang.

Danach stand ich auf und beschloss wie versprochen, Lorentz abzuholen. Aus einem mir nicht bekannten Umstand war ich voller Tatendrang. Ich wollte an diesem Tag noch etwas schaffen, benötigte dafür aber seine Hilfe. Ich wollte nicht, dass mir das Dach auf den Kopf fiel.

Bei Lorentz angekommen, saß dieser wieder vor seinem Haus, hatte ein Pfeifchen im Mund, was aber nicht angezündet war, und sah mich leicht belustigt an.

„Es ist schon sehr spät, kommt ihr immer so spät zur Arbeit oder habe ich jemanden gefunden, der so ist wie ich? Alles zu seiner Zeit!“

Ich nickte nur einmal und nahm einen der zwei Werkzeugkisten auf, die vor ihm standen. Dann erhob Lorentz sich und nahm die Zweite. Zusammen trotteten wir langsam den Berg zur Burg hinauf.

Dabei hoffte ich nur, dass Conlin inzwischen wieder da war, denn sonst würden wir vielleicht nicht mehr in die Burg kommen.

Dort angekommen klingelte ich wie immer und die Tür sprang auf. Also war entweder die Gräfin oder Conlin da.

Wir durchschritten das Tor und kaum standen wir im Innenhof blieb Lorentz stehen und atmete einmal tief durch.

„Lange nicht mehr hier gewesen!“, meinte er, „trotzdem riecht die Luft immer noch so wie immer!“

Dann sah er sich um und meinte nur noch. „Wo ist denn der Patient?“

Ohne eine Antwort von mir zu erhalten, blieben seine Augen auf dem Gebäude hängen, welches instand gesetzt werden musste.

„Ah ha, da haben wir es ja! So wie es aussieht, baucht es eine Notoperation oder gleich den Gnadenschuss. Mal sehen, was infrage kommt.“

Damit ließ er mich einfach stehen. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass es auch etwas anderes hätte sein können. So trottete ich ebenfalls mit seinem Werkzeug in die Richtung Tür, wohinter er gerade verschwand. Als ich dann im Gebäude ankam, war er inzwischen über eine Leiter in den Dachstuhl gestiegen.

Was ich dann sah, verwunderte mich dann doch. Lorentz sah äußerlich nicht mehr so aus, als wenn er jung wäre, aber dort oben war er in seinem Element. Hier war er nicht mehr so träge wie auf dem Boden, sondern schwang sich wie ein Affe von Balken zu Balken. Dabei hatte er ein kleines Hämmerchen dabei, mit dem er immer wieder auf die verschiedenen Teile des Dachstuhls schlug.

Ich stellte seinen Werkzeugkoffer auf den Boden, setzte mich in eine Ecke an die Wand und sah ihm wohl eine halbe Stunde dabei zu. Irgendwann blieb er dann auf dem zentralen Balken in der Mitte stehen und setzte sich dann darauf.

„Kommt mit hoch, hier könnt ihr Mal etwas Lebendiges fühlen. Nicht diese toten Steine, mit denen ihr euch immer abgebt. Bringt aber die Pfeifen mit.“

Ich schnappte mir den Beutel mit den Pfeifen, den ich schon kannte, und lehnte die Leiter neben ihn an den Balken. Dann stieg ich zu ihm hinauf und saß wenig später neben ihm.

Er nahm den Beutel und stopfte etwas Tabak in einen Pfeifenkopf, dann hielt er mir den Tabak hin. Ich trug die von ihm geschenkte Pfeife immer mit mir herum. Als holte ich sie aus der Tasche und stopfte sie mir ebenfalls. Wenig später entzündete ein Streichholz die Blätter und wir saßen schmauchend auf dem Balken.

„Hmmm“, meinte er nach einer Weile, „ wird noch gehen. Einige sind morsch aber nicht die wichtigen. Die können wir austauschen. Dann dürfte das Dach die nächsten hundert Jahre überstehen. Vielleicht sogar länger als die Mauern, die es tragen. Die sehen nicht mehr besonders gut aus.“

Dabei sah er nach unten und ich folgte seinem Blick. Dabei konnte man sehen, wie sich die Mauer leicht nach außen wölbte.

„Wir müssen das Dach aber abstützen, wenn ihr die Mauer erneuern wollt. Das Gewicht könnte sonst alles zum Einsturz bringen. Wir können natürlich auch das ganze Dach abtragen und wieder draufsetzten. Tut aber nicht Not, kostet nur Zeit und Ärger.

Ich werde nie verstehen, wie man mit Stein arbeiten kann. Es bricht oft, ohne dies vorher anzukündigen. Holz ist da anders, ehrlicher. Wenn man genau hinhört, sagt es einem das, lange bevor es bricht.“

Dann saßen wir noch eine Weile auf dem Balken, bis die Pfeifen keine Rauchzeichen mehr von sich gaben. Erst dann stiegen ich von dem Balken herunter und Lorentz markierte die Teile des Dachstuhls, die ausgetauscht werden mussten. Es waren wirklich nicht viele, aber hätte man sie alle weggenommen, wäre das Dach sicher instabil geworden.

Währenddessen sah ich mir die Mauern noch einmal an die sich geneigt hatten. Sie hatten über die Jahrhunderte dem Druck von oben nachgegeben. Ich würde sie nicht nur erneuern müssen, sondern auch noch verstärken. Es sah nach einem Kostruktionsmangel aus oder besser gesagt pfusch am Bau. So etwas gab es also schon wesentlich länger als gedacht.

Eine Stunde später war Lorentz mit seiner Besichtigung vollkommen fertig und kam herunter. Unten angekommen schrieb er auf, was er alles dafür benötigte und gab mir den Zettel. Dabei hatte er nicht nur das Material aufgeschrieben, sondern auch wie lange wir voraussichtlich dafür brauchen würden.

Nach seiner Berechnung war es nach erhalt der Materialien eine Woche, wenn ich also meine Maurerarbeiten dazu rechnete, würde es keinen Monat dauern. Das war doch schon einmal eine Aussicht.

Zum Schluss ging ich in Richtung Haupthaus und hoffte Conlin zu finden. Wann dieser zurückgekommen war, konnte ich nicht sagen, aber er hockte wie immer in dem Bücherraum. Ich zeigte ihm alles was wir für die Arbeiten benötigten und den veranschlagten Preis.

Dann sah er mich an, als wenn ich von einem anderen Stern kommen würde.

„Lorentz ist nicht ganz bei Trost. Für das Geld kann ich eine neue Burg kaufen. Sagt ihm das!“

Ich ging wieder und berichtete Lorentz davon, dass seine Vorstellung wohl zu hoch sei. Er sah mich an und begann zu lachen. „Typisch Conlin. Dreht jeden Pfennig um als wenn es sein eigener wäre. Es ist wohl besser, ich rede mal selber mit ihm, sonst könnt ihr euch darauf einstellen, noch viele Male hin und her zu laufen!“

Damit verschwand er grinsend in Richtung Haupthaus und schon wenig später hörte ich die beiden, denn ein kleines Fenster zum Bücherraum stand ein wenig offen.

Was die beiden genau sprachen, konnte ich nicht vollständig verstehen, aber es wurde laut, sehr laut, nur unterbrochen von Flüchen und anderen Worten, die ich weder Lorentz noch Conlin zugetraut hätte. Diese Diskussion oder wie immer man es nennen sollte, hielt noch eine halbe Stunde so an. Erst dann wurden sie leiser und die Stimmen klangen versöhnlicher. Zum Schluss kam Lorentz mit einem breiten Lächeln aus dem Gebäude zu mir herüber.

„Geht doch!“, waren seine einzigen Worte. Dann schnappte er seine Jacke, die er abgelegt hatte, und ging Richtung Tor.

Dann drehte er sich noch einmal zu mir um und rief: „Morgen früh um neun. Wollen es ja nicht zu früh angehen.“

Daraufhin drehte er sich wieder um, öffnete das Tor und verschwand. Kaum war das Tor wieder geschlossen kam Conlin auf einmal aus dem Haupthaus und zu mir herüber. Sein Gesicht war dieses Mal nicht so bleich wie sonst, sondern hatte eine ebenfalls ungesunde rote Farbe angenommen. Man konnte ihm ansehen, dass er sich über alle Maße ärgerte.

„Hier!“, sagte er zu mir und streckte mir einen Schlüssel entgegen. „Ich soll euch einen Schlüssel für das Tor geben. Frau Gräfin wünscht es so. Ist wohl auch besser, denn diesem Verrückten werde ich das Tor nicht mehr aufmachen. Was glaubt er denn, wer er ist?“

Ich nahm den Schlüssel und ohne eine Antwort von mir, drehte er sich wieder um und verschwand im Haus. Eine Antwort hatte er auch sicher nicht erwartet und ich hätte auch keine gehabt. Wer von den beiden nun der Verrückte war, konnte und wollte ich nicht entscheiden. Ein leichtes Grinsen konnte ich mir aber nicht verkneifen.

Die nächsten Tage vergingen schnell. Lorentz und ich hatten mehr als genug zu tun. Schon zwei Tage später hatten wir das Dach soweit abgestützt, dass ich die Mauer darunter teilweise einreißen konnte. Dabei achtete ich sehr darauf die alten Steine nicht zu sehr zu beschädigen, denn ich wollte sie beim Aufbau wider verwenden. Zumindest von außen sollte man die Korrektur nicht gleich bemerken.

Lorentz selber sauste wie ein Eichhörnchen im Dachstuhl herum und tauschte Balken um Balken aus. Mehrfach kam es vor, dass mir auf einmal Sägespäne auf den Kopf rieselten. Dabei hatte ich manchmal den Eindruck, als wenn er extra dort sägte, wo ich gerade arbeitete. Wenn ich dann nach oben sah, grinste er über das ganze Gesicht.

Pausen wurden natürlich eingehalten, wobei ich manchmal den Eindruck hatte, dass Lorentz nur deswegen arbeitete, um Pausen machen zu können.

Zwei Wochen später waren wir so gut wie fertig. Die Mauer war ausgebessert und der Dachstuhl war in einem wirklich mehr als guten Zustand. Zumindest kam er mir so vor. Wir standen jedenfalls einen Moment unten und ich sah nach oben, während Lorentz die Mauer betrachtete.

„Hmmm“, meinte er, „Ich glaube, das wird eine ganze Weile halten. Ihr versteht euer Handwerk, das kann man sehen, denn die neue Mauer unterscheidet sich kaum von dem Rest. Es sieht so aus, als wenn sie schon immer dort gewesen wäre.“

„Danke für das Lob. Ich muss sagen, dass der Dachstuhl ebenfalls mehr als gut aussieht. Es ist nur schade, dass man dafür nicht auch altes Holz verwenden kann. Aber wenn man es streichen würde, dann sähe es sicher überall gleich aus!“

Lorentz sah mit nach oben und nickte einmal. Dann packte er seine Sachen zusammen.

„Ein Pfeifchen?“, meinte er nur und ich nickte.

Wir hatten inzwischen fast eine Tradition entwickelt. Wenn wir fertig waren, gingen wir auf die Wehrmauer und setzten uns zwischen zwei Zinnen. Während unsere Beine nun über der Tiefe baumelten, schmauchten wir unser Pfeifchen und sahen dabei zum Dorf herunter.

Wenn es spät geworden war, konnten wir dabei sogar zusehen, wie die Sonne langsam unterging und alles in ein geheimnisvolles, rötliches Licht tauchte. Zumeist ließ dann auch der Wind nach und man hörte nur noch ein paar Tiere des Waldes. Sonst war nur Stille um uns herum.

Lorentz erzählte dann manchmal etwas über die Burg, oder besser gesagt, wie es früher einmal ausgesehen hatte. Den Wald hatte es nicht gegeben. Was aber auch logisch war, denn in einem großen Umkreis um die Burg sollte keine Deckung für eventuelle Angreifer vorhanden sein. Zudem war es praktisch, denn das Holz konnte man auf der Burg gut gebrauchen.

Die Ausführungen von Lorentz waren wirklich sehr bildlich. Er konnte einem ein Bild vermitteln, als wenn er es selber gesehen hatte.

„Dann sind wir also mit jetzt fertig mit dem Auftrag. Oder habt ihr noch etwas für mich?“

Ich schüttelte den Kopf. Im Moment hatte ich nichts mehr für ihn und ehrlich gesagt für mich selber auch kaum noch etwas. Sicher, es gab auf so einer Burg immer etwas zu reparieren, aber ob diese für einen weiteren Verbleib von mir reichte, wagte ich zu bezweifeln.

Auf der anderen Seite war ich ja nicht nur wegen der Burg hier. Das hatte mir die Gräfin mehr als deutlich gesagt.

In den letzten Tagen hatte ich so viel zu tun, dass mir die Gräfin nur ab und zu in den Kopf gekommen war. Da sie sich selber auch nicht sehen ließ, verdrängte ich meine Gedanken an sie vollkommen. Wenn ich dann abends in den Gasthof kam, war ich nach dem Essen viel zu Müde, um mir weitere Gedanken zu machen.

Zum Glück wurde ich nachts nicht mehr durch irgendwelche Besuche vom Schlafen abgebracht. Es wundert mich zwar etwas, aber ich war dankbar dafür.

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